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Industrie 4.0 – der Ausverkauf des Wissens!?

Die ökonomische Öffentlichkeit ist von einem Thema elektrisiert wie nie: Industrie 4.0. Oder sollte man eher sagen, zunehmend  unkritische Medien pushen einen Hype, der von interessierter Seite lanciert wird? Während die grossen Konzerne in Deutschland und der Schweiz wie Bosch, ABB, Siemens oder Daimler die Entwicklung vorantreiben, und auch daran und damit verdienen, sind die klassischen Mittelständler zögerlicher. Beweisen sie damit hinterwäldlerischen Starrsinn, oder haben sie möglicherweise besser begriffen als andere, wohin die Reise geht? 

Vieles wird gegenwärtig unter dem Schlagwort Industrie 4.0 verhandelt, aber im Wesentlichen ist das «Internet der Dinge» in Industrieunternehmen ein ausgeklügeltes Produktionssystem, voll vernetzt, das sich im besten Fall selbst steuert und organisiert, und vor allem den gesamten Prozess in vielen, vielen Zahlen komplett abbildet. Dort werden vom Eingang der Rohprodukte oder – teile über die Verlaufszeiten, Fehlerquoten, Verbrauchsmaterialien und Energiemengen bis hin zur Qualitätsprüfung alle Einzelschritte in Kennzahlen erfasst, abgespeichert und ausgewertet. Von der Bestellung bis zum Rechnungsversand läuft alles vollautomatisch. «Order to cash» nennt sich das im betriebswirtschaftlichen «Denglisch». Und die Entwicklung geht rasant. Bis zum Jahr 2020 zum Beispiel möchte Bosch seine gesamte Produktpalette vernetzt haben, wie der Konzernchef Volkmar Denner in Der Spiegel zu Protokoll gegeben hat. Dann sind nicht nur die internen Produktionsprozesse datenmässig erfasst, sondern auch der Kunde kommt ins Spiel. Von der Scheibenwischanlage bis zur Bohrmaschine senden dann Bosch-Produkte Daten über Betriebsstunden, Ort des Einsatzes, Verschleiß und vieles mehr an die Zentrale. Entsprechend investieren die Konzerne in die Entwicklung von Software und werden selbst zum Treiber in einem gigantisch schnell wachsenden Markt.

Damit kündigt sich aus dieser einen Perspektive die von manchen vorausgesagte Veränderung der Zukunft an: Produkthersteller werden zum Anbieter neuer, datenbasierter Geschäftsmodelle. Wir kennen das zum Beispiel von Digitaldruckern, wie sie in den Büros stehen. Die Hersteller verdienen nicht am Gerät, sondern an den Ausdrucken. Oder Turbinenbauer stellen Schubkraft in Rechnung und Autofirmen Mobilität, wie Der Spiegel kürzlich in einer seiner Ausgaben schreibt.

Eine andere Perspektive entwirft das Szenario vom Ausverkauf des Wissens: Andreas Syska, Professor für Produtionsmanagement in Mönchengladbach und früher Fertigungsleiter bei Bosch, zum Beispiel hält es für leichtfertig, dass deutsche Industriebetriebe das eigene Wissen in die Cloud oder Firmenplattformen verlagern. Und es stimmt ja, das Know-how, gewonnen aus der Optimierung der eigenen Fertigung, die Produktivitätsdaten, Kosten und Gewinne – sie sind für Unternehmen der Masterplan für den Erfolg. Dabei ist das Speichern der Daten in der Cloud nur eine Facette. Viel entscheidender scheint, dass die Herrschaft über die Daten bei jenen liegt, welche die Software zur Produktionssteuerung zur Verfügung stellen. Und das sind bei mittelständischen Unternehmen in der Regel Softwareanbieter und oder mit ihnen verbundene Beratungsunternehmen, die über die entsprechende IT-Expertise verfügen. Diese treiben wiederum die so genannten webbasierten Lösungen mit Macht voran. Das bietet dann zwar den schönen Komfort, dass alle Daten überall zu jedem Zeitpunkt abrufbar sind, aber es bedeutet auch, dass der Software- und Beratungsdienstleister zum «Flaschenhals» und das zentrale Unternehmenswissen im wahrsten Sinne des Wortes zur «flüchtigen Ware» wird. Genau diese Einsicht wohl lässt Mittelständler zögern auf den Zug Industrie 4.0 einfach aufzuspringen.

Jaron Lanier gilt als einer der Vordenker der «virtuellen Realität», war Teil der Freak-Community im Kalifornien der frühen Achtziger, lehrt heute an der Columbia University und erhielt 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er spricht von der «Asymmetrie der Geschäftsbeziehungen». Jene, welche im Besitz der Daten, im Besitz des Wissens sind, sitzen sprichwörtlich über kurz oder lang «am längeren Hebel». Der typische Zulieferer aus der viel beschworenen Provinz weiss aus eigener Erfahrung, was das heisst. Der Kunde – in der Regel ein international aufgestellter Konzern – möchte Zahlen über Materialbeschaffung, Durchlaufzeiten, Deckungsbeiträge und vieles mehr: «Mit Industrie 4.0 bekommt er sie auf dem Silbertablett, mit einem Maus-Click weiss er alles», möchte sich ein hoch innovativer  Unternehmer nicht mit Namen zitieren lassen. Das bedeute im Klartext, er könne sein Selbstbewusstsein gleich mit abgeben, weil «das Risiko tragen und zum Rapport über Gewinn und Verlust antreten, macht nicht wirklich Spass und hat mit Unternehmertum nichts aber auch rein gar nichts zu tun.» Innovationsgewinne, Margenvorteile, Prozessintelligenz – alles die Grundlage unternehmerischen Erfolgs, ist dem Zugriff des Kunden oder/und Beraters, und/oder des Softwaredienstleisters ausgeliefert. Die Asymmetrie der Geschäftsbeziehungen oder eben der Tod eines Geschäfstmodells, nämlich durch überlegene, innovative Produkte unternehmerischen Erfolg und volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu erzielen.

So ist es also kein hinterwäldlerischer Starsinn, sondern klares Kalkül, wenn mittelständische Unternehmen das Tempo in Sachen Industrie 4.0 drosseln. Und man kann unterstellen, dass sie über technische und organisatorische Alternativen nachdenken, die vielleicht nachhaltiger in die Zukunft tragen, als das täglich neu «durchs Dorf getriebene Schwein» vergänglicher Versprechungen über die Segnungen eines in der Öffentlichkeit kaum verstandenen Trends.

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