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«Nein, meine Söhne geb’ ich nicht …»

… Das Mobiltelefon vibrierte in seiner Tasche. Franz zog es hervor. Eine Pushnachricht. Von seinem Papa. Ohne Worte, nur ein Link zu einem YouTube-Musikvideo: «Reinhard Mey & Freunde: Nein, meine Söhne geb’ ich nicht …» Dieses Lied hatte seine Jugend begleitet. Die Sonntage im sommerlichen Garten. Das gemeinsame Spiel mit den Geschwistern im Garten, die Mama auf der Terrasse mit einem Buch, und aus dem Giebelfenster – nach Ansicht von Mama – zu laute Musik.

Vorzugsweise Reinhard Mey und immer wieder dieses Lied. Später, als sie älter geworden waren, dann begleitet vom Hinweis: «Deshalb, genau deshalb haben wir es auf uns genommen, nochmal ganz von vorn in einem fremden Land anzufangen.» Und meistens zitierte Papa dann den Liedtext: «Die Kinder schützen vor allen Gefahren ist doch meine verdammte Vaterpflicht. Und das heißt auch, sie vor euch zu bewahren! Und eher werde ich mit ihnen fliehen als dass ihr sie zu euren Knechten macht, eher mit ihnen in die Fremde ziehen in Armut und wie Diebe in der Nacht! Wir haben nur dies eine kurze Leben Ich schwör’s und sag’s euch g’rade ins Gesicht: Sie werden es für euren Wahn nicht geben! Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht! Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!» War es dann eigene Überzeugung gewesen oder Rebellion gegen den Vater, dass er zur Armee gegangen und Kommandosoldat geworden war? «Ich habe sie die Achtung vor dem Leben, vor jeder Kreatur als höchsten Wert, ich habe sie Erbarmen und Vergeben, und wo immer es ging, lieben gelehrt! Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben, keine Ziele und keine Ehre, keine Pflicht sind’s wert, dafür zu töten und zu sterben. Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!» Franz konnte den ganzen Song auswendig. Nein, weder Rebellion noch Hass. Das war nicht seine Gemütslage. Nein, es waren vielmehr seine Erfahrungen als «Spätaussiedler», als gehänselter «Russe in Rotkreuz-Klamotten», der er nie war, die in ihm den Entschluss reifen liessen, nie wieder «Opfer» zu sein. Denn es war eine frühe Lehre auf Schulhof und Bolzplatz gewesen, dass das friedfertigste Kind keinen Frieden hatte, wenn es einem gewalttätigen «Großen» oder «Einheimischen» – oder noch schlimmer beiden – nicht gefiel. Sein späteres Interesse an Geschichte im Allgemeinen und vor allem an der Geschichte seines Volks schließlich festigten den Berufswunsch.

«Ich werde sie den Ungehorsam lehren, den Widerstand und die Unbeugsamkeit, gegen jeden Befehl aufzubegehren, und nicht zu buckeln vor der Obrigkeit! Ich werd‘ sie lehr’n, den eig’nen Weg zu gehen, vor keinem Popanz, keinem Weltgericht, vor keinem als sich selber g’radzustehen! Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht, Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht!» Er war dann seinen eigenen Weg gegangen. Sie hatten sich die Köpfe heiß geredet, und nie wollte Vater den Widerspruch des Songs eingestehen: Vor der Obrigkeit nicht zu buckeln, vor keinem Popanz zu Kreuze zu kriechen, Unbeugsamkeit – für die Freiheit zu kämpfen, konnte oder – leider – musste die Möglichkeit der Gewalt einschließen. Aber das waren damals alles Spiegelfechtereien gewesen. Jetzt war es wieder bittere Wirklichkeit einer aus den Fugen geratenen Welt. Er hatte sich einmal mehr entschieden. Zu kämpfen. Ob es richtig war? Ja. Aber der Widerspruch blieb, auch für ihn. Gewalt führte zu noch mehr Gewalt. …

2 Kommentare

  1. Thomas Greishaber sagt

    Vollkommen richtig erfasst, einfühlsam, doch leider brutale wie traurige Realität.

  2. Klaus Schön sagt

    Lieber Justus,
    ich war und bin schon immer ein glühender Verehrer von Reinhard Mey.
    Und dieses „nein meine Söhne geb ich nicht“ hat dieser Musik Poet ja schon 1985 geschrieben, und es ist gerade jetzt wieder und für betroffene Mütter und Väter so herzzerreißend aktuell.
    Dieser wahnsinnig schmerzhafte Zwiespalt zwischen „meine Söhne geb ich nicht“ und wer soll sonst die Kinder, Mütter, Familien, Freiheit und Werte eines Volkes gegen einen mörderischen alles zunichte machenden Feind verteidigen??
    Ich krieg‘ jedesmal Gänsehaut und Tränen in die Augen, wenn ich dieses gewaltige Lied mit diesem unglaublichen Text höre!!

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