Geschichten
Schreibe einen Kommentar

Die Kassiererin.

«Arschloch.» Hatte Lucía nicht gesagt. Aber gedacht. Und offensichtlich konnte der «cabrón» in ihrem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch. Der Mann lief rot im Gesicht an und begann zu schreien: «Was glaubst Du eigentlich, wer Du bist? Ich, ich bin der Kunde! Ich. Ja, ich! Da brauchst Du gar nicht so verschreckt zu glotzen! Und ich bestimme die Musik, weil ich bezahle! Kapiert? Geht das in Dein kleines Itaker-Hirn, Ja? Verstehst Du mich überhaupt?» Lucía saß tatsächlich erschrocken und wie vom Donner gerührt. In den Schlangen vor den anderen Kassen des Supermarktes drehten sich die Köpfe. «Ja, natürlich verstehe ich Sie», brachte Lucía mit leiser Stimme hervor.

«Was? Sprich lauter. Was hast Du gesagt? Du verstehst mich? Warum bewegst Du dann nicht Deinen Hintern zur Waage. Der Laden hier macht doch immer Werbung mit seinem tollen Service. Siehst Du nicht, dass ich schlecht zu Fuß bin? Auf zack, zack. So geht das hier bei uns, nicht so lahmarschig wie bei Euch zuhause. Deshalb bringen sie in Mailand und anderswo auch nichts zustande.» «Ich bin Spanierin.» Aber das spielte ja eigentlich keine Rolle. Der Mann, sie schätzte ihn so auf Anfang Siebzig, meinte mit seinem wütenden Angriff alle Ausländer, oder die, welche er dafür hielt. Eine diffuse Angst kroch Lucías Nacken hoch. Hatte sie einen Fehler gemacht? «Unser Kunde ist König». «Ihr müsst daran denken, unsere Kunden bezahlen Euren Lohn». Die Sätze aus vergangenen Schulungen ihrer Ausbildung hallten in ihrem Kopf. Die Wut des Mannes schien sich zu steigern: «Spanierin? Was interessiert mich das. Unglaublich. Will mit mir jetzt auch noch diskutieren! Bewegen. Einfach Deinen Hintern bewegen sollst Du.» Bei den Wartenden in den verschiedenen Schlangen vor den Kassen brachten sich schon die ersten in Position, um einen besseren Überblick zu haben. Ihre Kolleginnen rechts und links beobachteten die Szene aus dem Augenwinkel, zogen aber – noch – weiter in hohem Tempo die hoch aufgetürmten Waren auf den Förderbändern über den Scanner. Vom Service-Desk war noch niemand aufmerksam geworden. Lucía saß noch immer wie gebannt. Was war eigentlich passiert?

Keine Frage, der Alte war ihr unangenehm aufgefallen. Rotgesichtig – wahrscheinlich Bluthochdruck, eher nachlässig gekleidet, hatte er seinen Krückstock auf dem Förderband abgelegt und seinen Einkauf aufs Förderband gestapelt. Währenddessen hatte er sie angestarrt. Nein, genauer, er hatte auf ihr Dekolleté gestarrt. Und dann ins Gesicht und dann wieder tiefer. «Oh, Entschuldigung, die Kohlrabi sind nicht stückweise, sondern die gehen nach Gewicht.» «Ja und jetzt?», hatte er entgegnet. Ja, natürlich, sie wusste, eigentlich hätte sie jetzt kurz die Kasse verlassen müssen, um die Waren einzuwiegen. Aber sie hatte einen Augenblick gezögert – und dieses wahrscheinlich für den Alten eindeutig zu verstehende Mienenspiel zugelassen, bevor sie dann doch die Klapptüre öffnen wollte, die ihr Kassenabteil abtrennte. Zu spät.

Der alte Mann raste weiter: «Und überhaupt. Warum schafft ihr es nicht in diesem Scheißladen, endlich mal wieder Klopapier vorrätig zu haben? Glotz nicht! Mach’ endlich hinne!» Ein paar der Umstehenden kicherten, andere wandten sich peinlich berührt ab. Dem wütenden Mann schien gleich der Schädel zu platzen: «Ja, was ist denn das? Bewegen sag’ ich. Wieg’ endlich das blödsinnige Gemüse. Oder muss ich hier den ganzen Laden zusammenschreien? Gibt’s hier eigentlich auch so etwas wie einen Chef?» Beifall heischend sah der Rotgesichtige um sich. «Schafe», schoss es Lucía durch den Kopf. Wie Schafe standen all die Menschen und starrten. Mit kalten unbeteiligten Blicken. Die ersten schienen schon, ja, «mit den Hufen zu scharren», weil es nicht vorwärts ging. Lucía saß wie gelähmt. Unfähig etwas zu tun. Gebannt von der Angst, schockiert von der Wut und dem Hass dieses Mannes, entsetzt von der Kälte all’ der Menschen um sie herum.

Plötzlich ertönte von hinten aus der Schlange eine raue Stimme: «Hey Alter, krieg’ Dich wieder ein. Wo ist Dein Gemüse. Gib’ schon her. Ich wiege es Dir. Und dann noch ein Tipp: Wenn Du schon auf die Hilfe anderer angewiesen bist – sei ein bisschen höflicher! Und die Frau an der Kasse kann nichts dafür, dass Du gepennt hast.» Ein junger Mann, Typ Bär, geschätzte zwei Meter groß, ziemlich breit, Arbeitshose, Lockenkopf mit Zopf, kam nach vorne, schnappte das Gemüse, und war schon wieder weg. Lucía saß noch immer still, verfolgte mit schreckgeweiteten Augen, was um sie herum geschah: Der Alte war verstummt, sah unsicher in die Runde. Die Herde kam in Bewegung. Manche wandten sich wieder ihren Einkaufswagen zu, stapelten weiter Waren auf die Bänder. Die, welche vorher gekichert hatten, lachten über das aus ihrer Sicht unterhaltsame und offensichtlich beendete Schauspiel. Andere sahen in die Luft oder auf den Boden, als ob nichts gewesen wäre. Zwei gepflegt gekleidete Damen echauffierten sich allerdings: «Das Huhn sitzt ja noch immer da wie erstarrt. Naja, der junge Mann hat sich ja wohl doch etwas im Ton vergriffen.» Der kam jetzt just um die Ecke. Und wieder musste Lucía an Schafe denken. Die anderen Menschen in der Schlange wichen zurück, versuchten möglichst unbeteiligt zu wirken, die zwei Damen sahen demonstrativ in eine andere Richtung. Der junge Mann legte das Gemüse aufs Band, streifte Lucía mit einem freundlichen Blick, klopfte dem Alten auf die Schulter, um breit grinsend zu sagen: «Wieder abgeregt? Glaub’ mir – ist nicht gut für den Blutdruck.» Sprach’s und reihte sich wieder in die Schlange ein. Der Alte hatte sein Publikum verloren, hier gab’s nichts mehr zu gewinnen. Grummelnd räumte er den Rest seines Einkaufs aufs Band und bezahlte unwillig.

Lucía hatte sich gefangen. Bedingt. Wie in Trance zog sie die Waren über den Scanner, nahm die Welt um sich wahr wie durch einen dicken Schleier, die Geräusche dick verpackt in Watte. Hatte das ein Nachspiel? Warum musste sie sich das gefallen lassen? War sie niemand? Was hatte sie falsch gemacht? Konnte sie jeder anstarren, wie und wo er wollte? Warum war sie hier? Bei diesem Gedanken angekommen holte sie die raue Stimme von gerade eben in die Wirklichkeit zurück: «Alles gut? Ar… , äh, unverschämte Menschen gibt es überall.» Der lockige Riese räumte gerade gemütlich lächelnd seinen Einkauf aufs Band. Lucía sah hoch – in blaue strahlende Augen. Ja, der war schon öfters hier gewesen. Ein bisschen zu freaky für ihren Geschmack – aber die Augen. «Darfst Du nicht so ernst nehmen.» Lucía lächelte: «Ja, schon.» Sie zog die Waren über den Scanner: «Das macht fünfundzwanzig und vierzig, bitte.» Der Riese hielt ihr einen Zwanziger und Zehner hin und begann seinen Einkauf in einen Rucksack zu packen. Sie gab das Wechselgeld zurück. Er zog den Deckel seines Rucksacks zu. Auf dem Förderband lag noch eine Packung Pralinen: «Für Dich. Ciao» Er hob den Daumen, wandte sich um Richtung Ausgang. «Hallo …» Ratlos sah Lucía von der vor ihr liegenden Pralinenpackung und zu dem sich entfernenden Gönner, und wieder zurück. «Also ich würde die jetzt einfach nehmen und mich freuen.» Der Mann mit dem silbernen Haarkranz und dem freundlichen Lächeln hatte nur zwei Flaschen Milch vor sich auf dem Band stehen. Er zwinkerte Lucía zu: «Und dann würde ich ganz gerne bezahlen.»

Die Einsamkeit sprang Lucía an wie ein wildes Tier. Eigentlich liebte sie die kleine Einzimmerwohnung in diesem Altbau unterm Dach. Das Schönste: Auf der winzigen Dachterrasse öffnete sich der Blick weit nach Süden. Bei gutem Wetter konnte sie die Schweizer Alpen sehen, wo sie noch nie gewesen war. Und trotzdem – an Tagen wie diesen gähnten sie die kleine Wohnküche mit der schmiedeeisernen Wendeltreppe, die zur Dachterrasse führte, und das dahinterliegende kleine Schlafzimmer mit einem dunklen, kalten Atem an. Allein sein war schlimmer als eine hässliche Unterkunft.

Warum bloß war sie aus Andalusien hierhergekommen? Warum bloß hatte sie Familie, Freunde und die herrliche Wärme verlassen, den Traum einer Ausbildung als Hotelfachfrau und Sommelière begraben? Ja, klar, sie hatte keine Chance gesehen, und die Eltern hatten kein Geld, um ihr die Ausbildung an einer privaten Schule zu bezahlen. Da war dieses Angebot aus Deutschland gerade recht gekommen: die Sprache lernen – und sie hatte schnell gelernt, die Chance auf einen guten Ausbildungsplatz und einen guten Verdienst. Doch heute hätte sie sich am liebsten sofort in den nächsten Flieger gesetzt. Lucía füllte vorsichtig das Sieb der kleinen Aluminium-Kanne mit Kaffee, fummelte am alten Gasherd bis die Flamme brannte. Sah gedankenverloren dem Dampf zu, der sich gegen die Decke kräuselte, während das aufsteigende kochende Wasser die Aromen aus dem Kaffee-Pulver presste. Der Geruch und das Geräusch – auch das waren Erinnerungen an die Heimat. Tränen liefen ihr über die Wangen. Lucía nahm die Kanne vom Feuer, füllte den Kaffee in die alte Emaille-Tasse, schnappte ihre Tasche sowie die Wolldecke und stieg die engen Stufen der Wendeltreppe hinauf: die letzten Sonnenstrahlen des lauen Frühlingsabends genießen.

Auch heute waren tief im Süden die weiß verschneiten Gipfel zu sehen. Lucía setzte sich mit angewinkelten Beinen auf den wackligen Stuhl, wickelte sich in die Wolldecke und trank in kleinen Schlückchen den heißen Kaffee. Noch immer schwammen ihr die Augen. Aber der heiße Sud starken Koffeins tat gut. Die Pralinen. Jetzt eine genießen. Lucía griff nach der Tasche und der dort noch verstauten Packung. Schoko-Täfelchen, roter Pfeffer mit extra dunkler Schokolade. Passte irgendwie nicht zu den blauen Augen, war ihr erster Gedanke. Lucía drehte die Packung, zog am Fädchen des Zellophans. Da sah sie die Schrift, hingekritzelt mit irgendeinem roten Marker. Eine Mobil-Nummer. Vorsichtig löste sie die Zellophan-Hülle, lächelte, strich die Hülle glatt, legte sie vorsichtig auf die Seite, klappte die Packung auf und nahm eine der hauchdünnen Tafeln. Kostete, ließ sie auf der Zunge zergehen. Herber, intensiver Kakao, irgendwo zwischen Rauch vom Nussholz und … hm, Palisander, und plötzlich explodierte der rote Pfeffer am Gaumen. Lucía griff nach dem nächsten Täfelchen, schloss genießerisch die Augen, legte den Kopf in den Nacken, gab sich ganz den Aromen hin. Himmlisch. Lächelnd angelte sie nach ihrem Handy, sah zur fein säuberlich geglätteten Zellophan-Hülle, tippte versonnen die Nummer ein. «Danke!». Senden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.