Autor: Justus Ammann

Essen ist Musik.

Das leise Rauschen sickerte nur langsam in Constanzes Bewusstsein. Sie schlug die Augen auf. Durch die weit geöffneten, bodentiefen Fensterflügel konnte sie im weiten Bogen der gelbfelsigen Bucht das Türkis des Meeres sehen, das seine Wellen mit weißen Schaumkronen über den feinen Sandstrand rollte. Die Ausläufer eines nächtlichen Sturms. Weit draußen auf dem Meer. Und ihrer Erinnerungen. Constanze zog fröstelnd das Laken hoch, das ihr über den Nabel hinabgerutscht war. Amadé war schon früh aufgestanden. Eine Eigenschaft, die sie bei ihm noch nicht kannte. Wie so vieles.

Weihnachten 2025

Weihnachten 2025. Zeit sich zu outen. Nein, ich bin nicht schwul. Aber ich glaube, dass an Weihnachten Jesus tatsächlich als Gottes Sohn auf die Welt gekommen ist. Sich in Zeiten wie diesen als gläubiger Christ zu bekennen, fällt allerdings unter Umständen schwerer, als das Bekenntnis eines Coming-out. Aber nicht in erster Linie, weil eine weitgehend säkularisierte Gesellschaft ihren Kompass verloren hat. Sondern weil Brüder und Schwestern im Glauben als religiöse Geisterfahrer unterwegs sind: Die amerikanischen Evangelikalen und ihre Kirchen im Kampfmodus eifern für einen rigide christlichen Gottesstaat, die katholische Kirche weigert sich global, Verantwortung für ihren strukturell bedingten Mißbrauch zu übernehmen, und die europäische protestantische Kirche verflacht mit «inhaltlich merkwürdig unbestimmten Theologien» zu einem beliebig austauschbaren Theismus, wie Jürgen Habermas kürzlich in einer Rede festgestellt hat. Keine Ahnung, ob das theologisch abgesichert ist. Aber es gibt wohl ein zentrales Missverständnis. Weil Jesu Botschaft nie eine Handlungsanleitung für moralisch besseres oder richtiges Handeln war. Und er stand auch nie für ein politisches Modell – ganz gleich ob sozial gerecht, ökologisch nachhaltig oder bibeltreu autoritär. Noch weniger …

Feiern? Ja? Natürlich.

Gestern war ich wandern. Mit Schweizer Kollegen auf der Belchen-Flue im Jura. Mit herrlichem Blick auf meine Heimat. Den Schwarzwald. Schön da. Manchmal sogar zum Weinen schön. Ein paar Tage vorher habe ich in Bad Waldsee in Oberschwaben mit Freunden gefeiert. Musiker, Artisten, Schauspieler, Clowns – und Narren, die den Witz und die Freiheit haben, die Wahrheit zu sagen. Nicht selbstverständlich in Zeiten wie diesen auf dieser Welt. Auch das ist Heimat, in einem freien Land leben, wo Scherze auf Kosten der Mächtigen nicht Zukunft und Karriere kosten. Aber zurück zu den Schweizer Kollegen und Nachbarn. Die feiern den 1. August und ihre Schweizer Identität. Unbeschwert. Fröhlich. Ja, und auch mit Stolz. Meistens mit einem gemeinsamen Grillen, einem Garten- oder Quartiersfest, aber mindestens und in jedem Fall mit einem Feuerwerk.Spätestens an dieser Stelle kommt unsereins ins Grübeln: Kenne ich jemanden in meinem Freundeskreis, der den 3. Oktober im privaten Kreis feiert. Unbeschwert, unverdruckst und womöglich gar stolz?Ich höre schon die Nörgler und Mäkler. Wir sind nun mal keine Nationalisten. Nicht alles ist Gold was glänzt. …

Einfach mal vorwärts machen.

Bundeswahlleiterin Ruth Brand hat in in ihrem Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz vor «einer grossen organisatorischen Herausforderung» und «unwägbaren Risiken» gewarnt, mit Blick auf die von vielen Bürgern offenbar gewünschten schnellstmöglichen Neuwahlen. Der erste Reflex und die vermeintliche Lösung sind inzwischen typisch geworden für diese Republik: Wir schieben das Ganze nach hinten. Wobei wir den Kern unserer gegenwärtigen Probleme benannt hätten. Denn die Wirklichkeit lässt sich nicht verschieben. Sie holt einem früher oder später ein. Siehe Wladimir Putin und Donald Trump. Aber eigentlich wäre es doch ganz einfach: Die Bremsen lösen, in die Hände spucken, anpacken, vorwärts machen, und die Angst vergessen. Und die Strassen reparieren, anstatt Schilder fürs Langsamfahren aufstellen. Ja, und endlich ein lebenswertes Land mit ganz viel Potential aus seiner merkel-scholzschen bleiernen Lethargie aufwecken.

Das Grillvergnügen.

Geköpft, gebrüht, gerupft und gebraten – der tote Zeuge zahllosen Mordens beklagte über den züngelnden Flammen mit einem leisen, schmerzlichen Pfeifen seine Leidensgenossen: 620 Millionen Hühner, 55 Millionen Schweine und drei Millionen Rinder waren im vergangenen Jahr eines gewaltsamen Todes gestorben. Er starrte in die schwarze Höhle des abgehackten Halses: Eine bohrende Frage grub sich in seinem Magen fest, war ein Leben ohne Schuld möglich? … 

Da Schnee kommt zruck …

«Muetter, Muetter, da Schnee kommt zruck!» Mit vor Angst geweiteten Augen sah das Kind aus dem Fenster. Schwarzgrau dräute der Himmel. Am Grat der Hassberge züngelten böse weisse Fahnen und kündeten den nahen Sturm. Die Häuser der Mut-Bauern – niemand im Tal wusste mehr, warum man sie seit Generationen so nannte – am gegenüberliegenden Bergrücken waren nur noch an den Dächern zu erkennen. Sie schienen im verlöschende Sonnenlicht gleichsam zu glimmen. «Bub, do muesst net schrein. Jo, da Schnee kommt zruck.» Bang strich die Mutter ihrem Sohn übers Haar und fügte leise an: «Jo, aber net nur der, …»

Besuch. Türchen 24.

Er tippte Nicola leicht an die Schulter: «Warum hast Du Dir die Bank vor unserem Haus ausgesucht? Warum bist hier?» Die Härte kehrte in Nicolas Gesicht zurück: «Wundert mich, dass Du jetzt erst fragst.» Sie schwieg und liess einen um den anderen Teigstreifen in das sprudelnde Salzwasser gleiten. Jonathan stand dicht bei ihr an den Herd gelehnt und sah Ihr zu. Nach einer Weile setzte er nach: «Das ist keine Antwort.» Sie zuckte mit den Schultern: «Stimmt.» Jonathan war der Meinung, sie sei ihm eine Antwort schuldig: «Ich warte.» Nicola schwieg beharrlich. Jonathan schüttelte den Kopf. Nicola sagte plötzlich leise: «Und wenn es Zufall wäre?» In diesem Moment klingelte das Handy von Jonathan, das auf dem großen Eichentisch auf den vom Morgen liegen gebliebenen Zeitung vibrierte: «Hallo Barbara.» Jonathan hörte kurz zu: «Ja passt. Auch nach zwölf. Kein Problem. Habe sowieso Besuch. Wer? Erzähl’ ich Dir später.» Jonathan legte das Mobile zurück. Nicola ließ sich vom Herd vernehmen: «Deine Frau wird nicht begeistert sein, wenn Sie von Deinem Besuch Genaueres erfährt.» Nicola hatte am heißen …

Besuch. Das erste Türchen.

Sie stand direkt an der Einfahrt. Barbara hätte die Frau fast überfahren, als sie von dem fast kreisrunden, kleinen Platz in den gepflasterten Hof einbog. «Mama. Achtung.» Lina auf dem Rücksitz, die sie nach dem Einkauf von der Klavierstunde abgeholt hatte und die ausnahmsweise nicht auf ihrem Handy dattelte, hatte fast geschrieen. Barbara kannte die Frau nicht. Sie war mittelgross, nachlässig aber nicht schmutzig oder ärmlich gekleidet, und sie hatte offensichtlich ins Tal geblickt, wo in der aufkommenden Dämmerung die Lichter der Stadt glitzerten und sich im See spiegelten. Die Frau allerdings hatte nur kurz den Kopf gewendet und schien dann wieder ungerührt den phantastischem Ausblick zu geniessen, den man vom wunderschönen Barbaraplatz aus hatte.

Nichts. Ist relativ.

«Doch langsam wird es eng für unsere Zukunft. Wir erleben einen Angriff auf den Traum, den wir zu leben wagten. Ob in Israel, in der EU oder in der Ukraine. Despoten und Terroristen zerstören menschliche Körper. Aber menschliche Träume zerstören die anderen – die gleichgültigen Nachbarn, die unauffälligen Schweiger, die unterkühlten Relativierer und die vielen, die sich zu bequem geworden sind, um sich ernsthaft der neuen Realität zu stellen.… Diese Kombination aus Gewalt und der Nichthaltung zu dieser Gewalt ist die tödliche Mischung unserer Zeit.» Das schrieb Sergey Lagodinsky kürzlich in der FAZ.

«Der hat sie ja nicht mehr alle, … »

«Wow! Was, Du hast ein Wohnmobil gekauft? Einen VW-Bus? Wie cool ist das denn?» Mit California oder Pössls Ducato wäre unsereins in jeder Smalltalk Runde richtig gut dabei. Wenn es alle kaum erwarten können, in den wohl verdienten Ruhestand zu schaukeln. «Wie bitte, einen Porsche hast Du gekauft? Einen 911er? Na ja, Boxter ist ja auch nicht gerade billig? Einfach so? Nur zum Spass? Und Umwelt und Klima sind Dir völlig egal?» Ok, da würde die Unterhaltung – zum Beispiel in Deutschlands Öko-Hauptstadt Freiburg – schon schwieriger. Naja, alles eine Frage der Wahrnehmung. Oder?