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Bereit? Jawoll. Weil Ihr es seid.

Das ist schön: Die Grünen haben deutsche Traditionen für sich entdeckt. Blockwart und Stasi-Spitzel erleben im 21. Jahrhundert ihre Wiedergeburt als politisch korrekte Steuer-Streber. Und da wir Deutschen es gewohnt sind – spätestens seit unseligen Blockwart-Zeiten –, die Dinge gründlich und technisch ausgereift umzusetzen, wird das mit einer digitalen, anonymen Meldeplattform zur Ermittlung von Steuerbetrügern optimiert. Allerdings – kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Die Petze war schon in Schulzeiten eine Kanaille. Daran ändern weder Zeitgeist noch vermeintliche Gerechtigkeitsüberlegungen etwas.

Schöpfungsgeschichte 4.0

Die Endlosschleife der Menschheit: Als sie vom Baum der Erkenntnis aßen, war keiner schuld. Adam hat es auf Eva geschoben, Eva auf die Schlange. Aber sie hatten die Möglichkeit gehabt, sich zu entscheiden. Als sie Afghanistan – und die vielen geschundenen Frauen und Männer – verließen, war keiner schuld. Die afghanische Regierung hat es auf Amerika geschoben, Deutschland auf Amerika, Amerika auf die afghanischen Militärs … Als wir es sahen und hörten, waren wir nicht schuld: Wir haben es auf die Mächtigen geschoben. Die Mächtigen auf die Gewissenlosen. Und so weiter und so fort … In biblischer Sprache heißt das «Erbsünde», in moderner Sprache «Verantwortungsdiffusion». Ach, und was noch zu sagen bliebe: Die Soldatinnen und Soldaten, die den Kopf hingehalten haben – und zu allem Elend – jämmerlich krepierten, hatten wirklich keine Schuld. Sie haben sich entschieden und Verantwortung übernommen.

Von Männern und Schweinen.

Ich würde Fettnäpfchen lieben. Sagen manche meiner Freunde. Das stimmt nicht ganz. Aber als Schreibender wird das immer schwieriger, selbige zu umgehen. Politisch korrekt, geschlechtsneutral, in keinem Fall ausgrenzend und CO2-bewusst – sich unverfänglich zu äussern, wird aus professioneller und persönlicher Sicht eine mühsame Übung. Die wildesten Blüten treiben gegenwärtig die Forderungen zur «gendergerechten Sprache». Oh je. Ich steuere unweigerlich aufs nächste zu …

Die neueste Mutante eines bekannten Virus: GiEr21.0

Urzeitlich schlummert es in den Höhlenkammern des menschlichen Herzens und tritt immer wieder den Erdball umspannende Seuchenzüge an. Persönliche und gesellschaftliche Stress-Situationen gelten unter Experten als auslösende Faktoren, wobei Unsicherheit darüber herrscht, ob dieser Stress das Rezidiv der Krankheit bedingt oder Folge der Erkrankung ist. Hier stehen sich zwei Lehrmeinungen beinahe unversöhnlich gegenüber. Typische Symptome: Blasenbildung, Ruhelosigkeit, Euphemie, Autophagie. Die DNA gilt als komplett entschlüsselt: «G» wie geil auf alles und mehr.«i» wie irre von den unbegrenzten Möglichkeiten des Konsums.«E» wie Erregung, um die Verzweiflung zu vergessen.«r» wie rücksichtslos als gäb’s kein morgen.«21.0» wie digitaler Beschleunigungsfaktor.

Wem zum Vorteil?

«Ach, ich zahl‘ inzwischen doch auch das Meiste mit der EC-Karte. Weisst Du, das Risiko mich mit Corona zu infizieren ist mir doch irgendwie zu groß». Erzählte dieser Tage ein kürzlich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedeter Bäckermeister. Trotz sinkender Inzidenzen und «Lichts am Ende des Tunnels». Als Handwerker wusste er eigentlich den echten Wert des Bargeldes in einem langen Berufsleben zu schätzen. Noch vor wenigen Wochen wechselten feinste Brötchen gegen Münzen und Scheine in seinem Laden den Besitzer. Er hatte sich nicht angesteckt.

Deutsche auf die Couch.

Der deutsche Wald stirbt. Sagen Förster, Waldbesitzer, fachlich beschlagene Ökologen und Wissenschaftler – und natürlich politisch Grünbewegte – übereinstimmend. Seit über dreissig Jahren. Aber er ist immer noch nicht tot. Glücklicherweise. Allerdings streiten die hier Genannten trotz grundsätzlicher Einigkeit über das Siechtum deutscher Forsten seit Anfang diesen Jahres «wie die Bürstenbinder». Volkstümlichkeit sei erlaubt an dieser Stelle. Doch dazu später. Den möglicherweise aufkommenden Vorwurf der Diskriminierung einer Minderheit möchte ich ausserdem sogleich ausräumen: Bürsten werden heute von Maschinen gebunden, die sprachliche Wendung ist also in ihrem sozial-historischen Kontext einzuordnen. Ach, worum sie streiten? Genau um den endlos sterbenden Patienten.

«Millionen Fliegen können nicht irren, fresst Scheiße!»

Irgendwie waren die Zeiten schon lustiger damals, als solche Graffiti vom Bully höhnten, und die Winfrieds und Renates noch «lieber krank feierten», als «gesund zu arbeiten», und vor allem ihre Sprüche noch selbst glaubten. Nostalgie. Vorbei. Verbürgerlicht in der Macht, grau geworden im wärmenden Kokon von Besoldungs- und Entgelttabellen, werden Ausgangssperren gewunden und staatstragend mit öffentlichem Interesse und Berufsverbote für Künstler mit Solidarität begründet. Oder die wirtschaftliche Zerstörung von Existenzen und Zunahme häuslicher Gewalt als Kollateralschaden kleingeredet. Während Opas in Pullunder sowie englischem Tweed und blonde Kraft-durch-Freude-Fräuleins die Wut auf ihre Mühlen umleiten und täglich neue braune Sch… anrühren … Ähm. Schnitt. Stopp. Stopp. Hab‘ mich vergaloppiert und in Rage geschrieben. Apropos Nostalgie: «Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden» ist noch so ein Spruch, der im Gleichklang von staatlicher Verlautbarung und medial weich gespültem Echo und im Dämmerzustand einer offensichtlich von Dauerangst narkotisierten Mehrheit verhallt. Konnte man gerade gestern wieder an einem medialen Grossexperiment studieren: Weil Schauspieler sich erdreisteten, unter dem Hashtag «allesdichtmachen» die Sinnhaftigkeit der aktuellen Massnahmen und das damit verbundene Meinungs-und Gesinnungsklima …

«Nai hämmer gsait!»

Vorneweg – ich gehöre zur Risikogruppe, denn ich kann mich noch an den Widerstand gegen die Volkszählung erinnern, ebenso ans «Nai hämmer gseit“ in Wyhl. Deshalb bin ich ein Opfer oder Gewinner meiner Sozialisation in jener Zeit, und verspüre mehr als Unwohlsein, wenn staatlich sanktioniertes Tracking gefordert, Ausgangssperren verhängt und handstreichartig der verfassungsrechtliche Grundpfeiler dieser Republik, nämlich der Föderalismus, geschleift werden. Aber verrückt wie sich die Zeiten ändern und doch alles gleich bleibt.

«Angst essen Seele auf.»

Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion als ein die Sinne schärfender und Körperkraft aktivierender Schutz- und Überlebensmechanismus, der in tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten (Fight-or-Flight) einleitet. Allerdings – Angst als Grundbefindlichkeit oder als gesellschaftlicher Dauerzustand wird zu individueller oder kollektiver Paranoia. Und schädigt sowohl jeden Einzelnen als auch die Gemeinschaft. «Angst essen Seele auf.» So drückte es Ali in Fassbinders berühmtem Film aus. Ganzheitlich ausgerichtete Mediziner sprechen davon, dass eine halbe Stunde Angst rund sechs Stunden Immunsupression auslösen. In drei Tagen ist Ostern. Ein guter Zeitpunkt, uns von dieser scheinbar gemeinsamen und unausweichlichen Verabredung zur Angst, wie sie uns seit rund einem Jahr von Medien und politischer Öffentlichkeit aufgedrängt wird, zu verabschieden. Angst wird uns nicht helfen, die Herausforderung und Zumutungen der Pandemie zu bewältigen, und sie ist – wie der Volksmund schon sagt – «ein schlechter Ratgeber». Täglich zu besichtigen im zunehmend hilf- und phantasielosen Handeln angesichts der gegenwärtigen Situation. «Euch ist nicht der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben.» Oder so …