Geschichten
Kommentare 2

Hans im Glück.

Was sollte das jetzt werden? Der Alte mit den strähnigen Haaren und abgeranzten Klamotten aus dem Haus schräg gegenüber, der aussah wie ein Wanderprediger, begann auf seinem kleinen Balkon etwas aufzubauen. Roberto saß, seine AirPods im Ohr, mehr ärgerlich als entspannt vor seinem Bier auf seinem eigenen Balkon, von dem er über den großen Innenhof – und eben auch direkt auf den ein paar wenige Meter entfernten und ein Stockwerk tiefer liegenden Balkon des Alten blicken konnte. Die Häuserblocks standen acht Stockwerke hoch in einem Quadrat angeordnet. Deutsche Standard-Architektur, alles in grau und weiß gestrichen. Diese Art von Wohnsiedlungen sahen inzwischen von Freiburg bis nach Flensburg alle gleich aus. Die kapitalistische Übersetzung des Plattenbaus. Der März war ungewöhnlich warm in diesem Jahr, die Abendsonne verwöhnte die Häuser mit den nach Westen ausgerichteten Balkonen mit einem milden Finale des Tages.

Shut down: «Endlich Zeit für sich selbst», «Zeit schon lange Unerledigtes anzugehen», «Geschenkte Zeit sinnvoll nutzen und eine Sprache lernen, italienisch ist doch soo schön!» Er konnte diesen elitären Quatsch bald nicht mehr hören. Erstens konnte er bestens italienisch, weil er gebürtiger Italiener war, zweitens war er in Deutschland, weil er arbeiten wollte und ihm seine Arbeit gefiel, und drittens vermisste er seine Verwandtschaft, die er in den anstehenden Osterferien eigentlich besuchen wollte. Daraus wurde voraussichtlich nichts die nächsten Wochen, wenn nicht gar Monate. Viertens musste er Geld verdienen, um den neuen Alfa abzubezahlen, den er idiotischerweise Anfang des Jahres bestellt hatte. Ein alter Jugendtraum. Und jetzt begann dieser Alte wohl auf neue Art zu nerven. Sonst nämlich stand er jeden Abend auf eben diesem Balkon, starrte in den Himmel und pfiff die immer gleiche Melodie vor sich hin. Musste ihn eigentlich heute nicht belasten, weil er eh nichts hörte. Lana Del Ray dröhnte ihm in die Ohren. Keine Ahnung was der im wirklichen Leben trieb. Tat wohl keinem was zu Leide, war aber einfach etwas schräg drauf – und heute störten Roberto sowieso die Fliegen an der Wand. Unwillig nahm er den nächsten Schluck aus seiner Bierflasche und beobachtete genauso unwillig das geschäftige Treiben des Alten.

Der schleppte jetzt einen schweren länglichen Koffer heran und positionierte diesen umständlich auf einen Ständer, wie Roberto inzwischen das silbrig glänzende Etwas interpretierte. Dann war der Koffer wohl ein Keyboard. Der Alte verschwand wieder durch die offene Balkon-Türe in seiner Wohnung. Zurück kam er mit einem hohen Gestänge. Und jetzt schleppte er einen großen schwarzen Würfel herbei. OK. Gab das ‘ne Freiluft-Disko? Denn dieser Würfel war eindeutig eine Lautsprecherbox. Ziemlich leistungsstark, so wie sie aussah. Offensichtlich hatte der Alte ihn registriert. Er winkte ihm zu und verschwand mit einem Kopfnicken wieder in der Wohnung. Was war das denn? Der hatte ja noch nie Anzeichen einer irgendwie gearteten Wahrnehmung gezeigt. War immer nur dagestanden und hatte blöde vor sich hin gepfiffen. Inzwischen verlegte der Alte verschiedene Kabel, verband die Box mit dem Keyboard sowie mit einem weiteren schwarzen Kästchen, das höchstwahrscheinlich ein Synthesizer war. Was der Sonderling wohl vorhatte? Woher hatte er das Equipment? Inzwischen beobachtete Roberto das Geschehen höchst interessiert. War der Alte ein verkappter DJ? Oder wohnte ihm gegenüber Iggy Pop? Der Alte blieb vorerst verschwunden. Roberto nahm einen weiteren Schluck und wartete.

Die Sonne sank. Also maximal noch eine Halbe die wärmende Sonne genießen: Ein weiteres Bier würde Roberto zwar nicht guttun, aber helfen, diesen öden Tag zu vergessen. Als Roberto aus der Küche auf seinen Balkon zurückkam, trat der Alte ebenfalls wieder auf seinen Balkon und ging – nein, er schritt – zu seinem Keyboard. Ja, der Alte war geschritten, wie auf eine Bühne, schoss es Roberto durch den Kopf. Er hatte sich offensichtlich umgezogen. Weißes Hemd, schwarze Jeans, das sonst wirr herunterhängende Haar war in einem Zopf gebändigt. In den Händen hielt er eine Flasche und ein Glas, welche er beide auf dem Keyboard abstellte. Roberto pfiff durch die Zähne. War Iggy Pop – so hatte er den sonderbaren Nachbar inzwischen kurzerhand getauft – ein Genießer? Whisky? Oder Cognac?

Der Alte musterte den großen Innenhof, wo viele Balkontüren und Fenster offenstanden, aber erstaunlicherweise niemand draußen saß, außer eben Roberto. Diesem nickte er – hoheitsvoll, wie Roberto empfand – ein weiteres Mal zu, schloss die Augen, legte die Hände auf die Tastatur. Wartete, wie der Kapellmeister in der Konzerthalle. Roberto nahm die AirPods aus den Ohren. Tatsächlich. Ruhe. Kein Radiogeplärr, kein Geschirrklappern, kein Schimpfen, kein Lachen, keine Klospülung waren zu hören. Und in diesem Moment setzte der Orgelklang ein. Mit brachialer Wucht aus allen Registern: «Te lodiamo Trinità». Das waren Kindheitserinnerungen, unzählige Kirchenbesuche mit seiner Nonna. Hm, doch eher Wanderprediger, dachte Roberto mit einem spöttischen Lächeln. Aber ohne Zweifel. Der Alte spielte virtuos. Und Roberto konnte das beurteilen, weil Musik seine Leidenschaft war. Leider konnte er selbst kein Instrument spielen, aber er verschlang Musik. Fast alle Stilrichtungen: Klassik, Pop, Punk, Ska, Soul, Blues, Jazz, Altes, Neues, ja, und immer auf der Suche nach dem Ungewöhnlichen. Das was er jetzt zu hören bekam, war definitiv ungewöhnlich. Der Choral ging über in eine Improvisation. Auf den anderen Balkonen erschienen die ersten Mitbewohner der großen Wohnanlage. Geschlossene Fenster öffneten sich, neugierig lugten Alte und Junge heraus, beobachteten den bislang von den meisten ignorierten, seltsamen Alten. Die Brandung des imitierten Orgel-Vollregisters war jetzt in das leise Zwitschern der Lingualregister übergegangen. Wie Vogelstimmen flirrten die feinen Töne zwischen den Häuserwänden. Immer mehr Bewohner fanden sich an den Fenstern und auf den Balkonen ein. Das Orgelspiel nahm wieder Fahrt auf. Klangkaskaden perlten durch den Frühlingsabend bevor der Schlussakkord im Innenhof bebte. Der Alte saß still. Mit geschlossenen Augen. Alle Zuschauer und -hörer beobachteten ihn gebannt. Die ersten wagten ein zaghaftes Klatschen. Der Alte öffnete die Augen, sah sich um. Ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. Immer mehr klatschten. Jetzt griff er nach dem Glas, nahm einen Schluck. Das Klatschen erstarb wieder. Stille. Zwei Handgriffe am Synthesizer, der Pulsschlag eines Herzens setzte ein, pochte in dumpfen Schlägen durch den leeren Hof. Was war das nochmal? Eine wohl ziemlich gute Improvisation von «Dark Side of the Moon». Pink Floyd. Naja, halt ein paar Generationen zurück, der Gute, aber richtig geil, nickte Roberto anerkennend. Und der Alte hatte wohl auch Sinn für eine gute Inszenierung. Denn spätestens jetzt war alles, was Beine hatte in der Wohnanlage, auf den Balkonen und an den Fenstern versammelt. Die letzten Töne des Songs verklangen, der Applaus setzte ein. Der Alte genoss ihn mit geschlossenen Lidern und nahm genießerisch einen weiteren Schluck aus seinem Whiskey-Glas. Inzwischen war Roberto sicher, dass es Whisky war.

Jetzt hob er die Hand. Der Applaus verklang und schon setzten die Klaviertöne des nächsten Songs ein: «Back to Black». Amy Winehouse. Also doch nicht nur Nonna-Musik und Siebziger. Ja, Mann, der Alte hatte es wirklich drauf. Das konnte ja noch ein spannender Konzertabend werden. Roberto lehnte sich gemütlich zurück und nahm einen weiteren tiefen Schluck aus seiner Bierflasche. Der Tag war gerettet. «Back to Black». Das war einer ihrer Songs gewesen. Damals, als Lucia und er ein Paar gewesen waren. Offenes Dach, die Musikanlage volles Rohr und unterwegs auf der Küstenstrasse von San Remo. Romantik pur. Erinnerungen – gefühlt aus einem anderen Jahrhundert. Sie waren dann bei Imperia abgebogen in die Berge, mit dem alten Fiat Spider, der jetzt bei seinem Onkel untergestellt war, durch die immer verlassener wirkenden Dörfer gebrettert. Auto fahren wie er es liebte. Durch die Kurven driften, immer im Grenzbereich. Lucia hat es genossen. Sie war so ganz anders gewesen als andere Mädchen. Irgendwo dann im Gebirge, oberhalb eines kleinen Nests, weit und breit keine Menschenseele, tief im Westen ging die Sonne in einem glitzernden Streifen des Mittelmeers unter, packten sie ihr Picknick aus, feierten ihre Liebe und übernachteten unter freiem Himmel. Ein unvergesslicher Sternenhimmel. Ein weißer Kristallteppich auf blausamtenem Tuch. Und das Schweigen rund um sie herum. Vor hundert Jahren? Zehn? Zwei fühlten sich in einer Zeit wie dieser nach Jahrtausend an. Sie wollte dann nicht mit nach Deutschland kommen, den Hof der Eltern und die Reben in den Küstenbergen nicht im Stich lassen. «Back to Black, We only said goodbye with words» … Ja, leider. Warum nur hatten sie immer wieder so traurige Musik gehört. Obwohl ihre gemeinsame Zeit so herrlich gewesen war? Hatten sie geahnt, dass sie ohne Zukunft war? War sie das?

Stille. Roberto war wieder in der Gegenwart angekommen. Vereinzelt ein Räuspern, das Flüstern eines Kindes, mit «Sch, sch» zum Verstummen gebracht. Es war tatsächlich wie im Konzertsaal. Der sonderbare Alte landete einen weiteren Überraschungs-Coup. Kristallklar hallten die Töne eines Konzertflügels, der Sound einer Trompete schraubte sich improvisierend in die Höhe. Den Synthesizer hatte er ohne Zweifel im Griff. Eine erstaunlich klare Baritonstimme ertönte im Sprechgesang. Woher auch immer, jetzt hatte der Alte ein kleines Standmikro auf das Keyboard gezaubert. „We are the people.“ Iggy Pop? Die Jazz-Nummer des alten Punkers aus dem letzten Jahr? Saß da wirklich Iggy Pop. Blödsinn. Natürlich nicht. Roberto rieb sich die Augen? Es war magisch. Die Menschen auf den Balkonen und an den Fenstern verfolgten die Performance ihres Mitbewohners, den sie bis jetzt eher weniger, gar nicht oder abschätzig beachtet hatten, wie elektrisiert. Der Sprechgesang brach sich an den von den Balkonen zerklüfteten Fassaden. Die Synthesizer-Trompete jaulte. Das war anspruchsvolle Kost für ein spontanes Konzert «for free». Roberto war fasziniert. Der letzte Akkord war verklungen. Pfiffe, Topfdeckel wurden aufeinandergeschlagen. Die Zuhörer waren außer sich. «Bravo Hans!» Ein Zuhörer, winkte auf einem der Balkone unter Robertos Logenplatz mit einem selbst gemalten Plakat. Der Alte schlug die Augen auf und wandte den Kopf. Weinte er?
Ein Knopfdruck am Synthesizer: Pauken und Bässe dröhnten, hallten im Quadrat des Innenhofs wider. «Made in Heaven», Queen. Das Klavier setzte ein, Freddy Mercurys Stimme übernahm eine synthetische Violine, die der Alte offensichtlich wieder mit der rechten Hand am Synthesizer spielte. Unglaublich. Sein eigener Mix dieses genialen Werks.

Das Schauspiel wiederholte sich. Die Töne des Songs verklangen, aufbrandender Applaus, ein gebieterischer Wink. «You raise me up». Unplugged, nur Klavier und der volltönende Bariton. Roberto saß weit zurückgelehnt und sah in den Abendhimmel, der sich langsam orange verfärbte. «Valcona Soprana». So hatte das Nest geheißen. Auf einer kleinen Felskanzel neben der Straße hatten sie den Wagen abgestellt und ein paar Meter weiter im Gras die Isomatten ausgerollt. Rundum Schweigen. Aber sie hatten dann geredet, flüsternd, in Ehrfurcht vor der sie umgebenden stillen Schönheit, die halbe Nacht. Am Morgen dann war er, Roberto – wie immer – zuerst aufgewacht. Ein leiser, kühler Wind aus Osten hatte ihn aufgeweckt. Lucia lag zusammengerollt neben ihm, tief in die Decke gemummelt. Am Himmel kündete ein zarter rosa Streifen den Morgen. Unglaublich. Schön. Als die aufgehende Sonne mit ihren ersten Strahlen über ihren Schlafplatz tastete, war er vorsichtig aufgestanden, hatte sich an den Wagen geschlichen und die Stereoanlage gestartet: «You raise me up». Verrückt. Derselbe Song. Das Hofkonzert hier war wirklich magisch. Er würde Lucia schreiben. Roberto griff nach seinem Mobile: «You raise me up to more than I can be» … Der letzte Akkord verklang.

Die Arena tobte. Pfiffe. Zugabe-Rufe. «Bravo, Bravo», «Bravissimo». Hans saß mit geschlossenen Augen an seinem Keyboard. Die Tränen liefen ihm über die Wangen. Endlich, endlich hatte er seinen großen Auftritt. Nicht der schräge Vogel aus dem dritten Stock hatte gespielt, nicht der abgetakelte Alte, der immer so zweifelhaft roch, und offensichtlich nichts zu schaffen hatte, während alle ihrer Geschäftigkeit nachgingen. Nein, der große, begabte Musiker Hans, der Star hatte seinen Auftritt. Vor großem Publikum. Weil sie jetzt plötzlich alle Zeit hatten. Zum Schauen und Hören. Sie kannten ihn endlich. Endlich erkannten sie ihn. Der Applaus brandete in Wellen. Hans war im Himmel.

2 Kommentare

  1. Julia Heinecke sagt

    Hallo Justus,
    das war der schönste und beste Beitrag, den ich bis jetzt von allen, die gerade schreiben (und das werden ja immer mehr), gelesen habe. Chapeau!

  2. Klaus Schön sagt

    Lieber Justus ,
    Wahnsinn, das Ganze erinnert mich sehr an eine wunderschöne Sommernacht, 1976, in den Bergen oberhalb von Imperia.
    Ich war mit meinem besten Freund und meinem Simca 1000 in Ligurien urnterwegs. Es war schon spät am Abend, und es wurde langsam dunkel. Wir beschlossen, nicht weiterzufahren und stellten uns auf eine Parkbucht der Bergstraße mit Sicht auf die Küste. Wir wollten diese Nacht im Simca verbringen. Während wir die Sitze runterklappten und unsere Schlafsäcke richteten, fuhr ein weiters Fahrzeug auf die Parkbucht. Ein italienisches Pärchen hatte das Gleiche vor wie wir. Sie richteten auch Ihre Schlafsachen und fragten uns, ob wir was dagegen hätten, wenn sie noch etwas Musik machten.
    Nein, ganz im Gegenteil, war unsere Antwort. Und dann erlebten wir einen der bis dahin schönsten Abende. Die beiden spielten Gitarrre und Saxophon und hatten wunderschöne Stimmen. Der Abend ging dann bis tief in die Nacht. Wir haben am Schluss noch viel zusammen gesungen und auch ganz schön viel Vino Tinto miteinander getrunken.
    Als wir dann aufhörten zu singen, hörten wir aus dem hinteren Teil der Parkbucht Beifall und „Zugabe“-Rufe. Dort hatten sich, von uns unbemerkt, noch weitere drei Fahrzeuge eingefunden.
    Mit denen haben wir noch eine Flasche Lambrusco getrunken!
    Das war ein Abend wie ein großes Geschenk – und einfach unvergesslich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.