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Flaschen-Pietro – oder der Himmel über München.

Das Grummeln weckte ihn auf. Es war kaum zu überhören und stach zugleich so heftig zu, als ramme ihm jemand ein Messer in den Bauch. Tief Luft holen und den stechenden Schmerz wegatmen. „Scheiße! Ich brauch’ unbedingt was zu Essen.“ Pietro rieb sich die Augen und versuchte sich zu strecken. Alles tat ihm weh und der Karton, auf dem er lag, war in der Nacht ziemlich feucht geworden. Mit einem Ruck warf er den Teppich und den blauen Müllsack, unter denen er sich in seinen alten Schlafsack gezwängt hatte, zurück. Zumindest ein bisschen hatte der Müllsack die Feuchtigkeit der Nacht abgehalten. Pietro stand auf und suchte die Plastikflasche, an der das Etikett noch an einem Fetzen hing. Nur ein Kenner würde erkennen, dass das mal eine Colaflasche gewesen war. Das Wasser war kalt und tat beim Schlucken weh. Aber das war Pietro gewohnt. Er überlegte, wann er das letzte Mal warm gegessen hatte. Die Tafel hatte seit nun fast vier Wochen zu, so hatte er das zumindest mit der Tonscherbe am Betonpfeiler aufgezeichnet. Der Bohneneintopf im warmen Container in der Innenstadt dürfte tatsächlich die letzte warme Mahlzeit gewesen sein. Das war verdammt lange her!

Los jetzt, es wurde Zeit. Pietro schnappte sich seinen Beutel, in dem er einen Kamm und eine alte Bürste verstaut hatte und kletterte über die Betonpoller. Der Verkehr hatte in den letzten Tagen deutlich nachgelassen, dementsprechend hatte auch das Rauschen der normalerweise vielen tausend Autos deutlich abgenommen, die ansonsten immer über diese Brücke fuhren, unter der er schlief. Pietro ging die paar Schritte runter zum Flussufer und schaufelte mit beiden Händen Wasser in sein Gesicht. Mit dem Kamm versuchte er, sich seine zotteligen Haare und den strubbeligen Bart zu glätten. Das morgendliche Ritual tat gut und gab ihm das Gefühl von früher, frisch in den Tag zu starten.

Ja früher hatte er an einem normalen Waschbecken gestanden, hatte in den Spiegel geschaut, sich die Zähne geputzt, den Bart glatt rasiert und sich mit Haarcreme die Frisur gerichtet. Danach war er zu Sophia in das gemeinsame Zimmer gegangen, hatte seine Frau mit einem Kuss auf die Stirn geweckt und die kleine Andrea aus dem Gitterbettchen gehoben, das neben dem Ehebett stand. An den meisten Tagen hatten sie dann gemeinsam gefrühstückt, bevor er sich verabschiedete und – wie immer viel zu spät – mit seiner Vespa den Weg durch das römische Verkehrschaos zur Kanzlei angetreten hatte. Sie hatten ein ganz normales Leben geführt, als kleine glückliche Familie mitten in Rom. Alles hatte gepasst. Sophia konnte auch nach der Geburt von Andrea als Übersetzerin weiterarbeiten, und sie hatten schon davon geträumt wie es sich als Familie zu viert anfühlen würde. Bis zu diesem verhängnisvollen Tag, der sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. An diesem Tag war das erste Leben von Pietro zu Ende gegangen. Zwei Carabiniere waren in der Kanzlei aufgetaucht und hatten ihm vom fürchterlichen Unfall berichtet: Ein Lastwagen mit überhöhter Geschwindigkeit hatten Sophia und Andrea überfahren: „Nein, ersparen Sie sich das. Nehmen Sie keinen Abschied in der Leichenhalle Signor Bianchi.“ Ein bisher perfektes Leben hatte sich in Sekunden in einen Scherbenhaufen verwandelt.

Das war nun vierzehn Winter her. Pietro hatte sich angewöhnt, in Winter und nicht in Sommer zu zählen, da diese deutlich härter waren. Besonders hier im Süden von Deutschland. In Rom hatte er schnell gespürt, dass es für ihn keinen Platz mehr gab. Sein vergangenes Leben wollte er und vor allem konnte er nicht wieder zusammen setzen. Doch seine Verwandten, Freunde und auch sein Chef meinten damals, „Wunden heilten die Zeit“ und er würde wieder nach vorne schauen. Dass Pietro mit Hilfe von Wein- oder später Schnapsflaschen das Ende der Tage herbeisehnte, wussten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. So blieb er vorerst und alles hatte seinen Lauf genommen. Die Kündigung schließlich hatte ihn nicht mehr geschmerzt. Er hatte das auch nicht als Niederlage wahrgenommen. Sondern eher wie durch einen Schleier festgestellt: Aus. Ein selbstverständliches Ereignis, das an seinen Augen vorbeizog. Als er die Miete nicht mehr bezahlen konnte und bei Marco, seinem besten Freund, auf der Couch auch nicht mehr erwünscht war, zog er los. Mit dem letzten Ersparten, dem alten Wanderrucksack von Sophia, etwas Ersatzklamotten und seinem Schlafsack, hatte er sich in den Zug gesetzt, und über Mailand und Innsbruck, München erreicht. Wieso München wusste er auch nicht wirklich. Vielleicht, weil ihm die Stadt bei einem früheren Besuch mit Sophia so gut gefallen hatte. Oder weil er sich erhoffte, dass ihm hier, in dieser reichen Stadt, ein Neustart in einem Restaurant oder einer Bar gelingen könnte. Früher hatte er während des Studiums als Barista gejobbt.

Doch der Neustart war ausgefallen. Seine Bewerbungen, die er in einem Internetcafé geschrieben hatte, erhielten nie eine Antwort. Der Alkohol half ihm zwar dabei, den Schmerz zu vergessen, aber er zerstörte auch jede Aussicht auf die Rückkehr in einen geregelten Alltag.

Jetzt stapfte er wieder zu seinem Schlafplatz hinauf. Er war ein bisschen stolz darauf, diesen hier gefunden zu haben, da es hier trocken, windgeschützt und auch einigermaßen ruhig war. Zumindest zu dieser Jahreszeit zogen keine Jugendlichen in der Nacht vorbei und warfen Glasflaschen oder Steine nach ihm. Pietro faltete den Teppich sorgfältig zusammen und steckte ihn zusammen mit dem blauen Sack in den Umzugskarton, den er gefunden hatte. Seinen Schlafsack legte er zum Auslüften über die Gerüststange, die quer in seinem Versteck hing. So war alles an seinem Platz. Der Blick in den Spiegel neben den zwei Kerzen, den er dieser Tage, vor einem Haus als Sperrmüll abgestellt, gefunden hatte, bestätigte: Im Rahmen seiner Möglichkeiten sah er gepflegt aus. Er wechselte seine alte grüne Militärparka, die er momentan nachts noch benötigte, gegen sein altes Cordjacket. Das fliederfarbene Hemd, das er schon seit einigen Tagen trug, war noch nicht fleckig, also konnte er es noch einen weiteren Tag anbehalten. „Haha, eine große andere Möglichkeit habe ich ja wohl auch nicht,“ schnitt Pietro eine zynische Grimasse in den Spiegel und schob sein „Ersatzhemd“, das an einem Plastikbügel ebenfalls an der Gerüststange hing zur Seite. Da er nur diese zwei hatte, wusch er sie regelmäßig unten am Flussufer. An einem seiner erfolgreichen Tage hatte er von einer öffentlichen Toilette in einem alten Joghurtbecher flüssige Handseife auftreiben können.

Über die Zeit hatte Pietro gelernt, sich über Wasser zu halten. Er hatte auch gelernt, dass der Alkohol keine echte Option sein konnte. Zwar gab er ihm nach jedem Schluck die Illusion seines alten Lebens zurück, erfüllte ihn mit einer wohlig aufsteigenden Wärme und betäubte auch oft die Schmerzen, die er nun nach vierzehn Winter auf der Straße hatte. Aber er hinterließ auch fürchterliche Kopfschmerzen, ein heftiges Verlangen nach Wasser und meistens auch die Einsicht, dass er Sophia und seine kleine Tochter erst in einem anderen Leben wieder sehen würde. Im Laufe der Zeit hatte er viele Kollegen verloren, so nannte Pietro die anderen Obdachlosen, die er im Park oder am Busbahnhof traf – sie hatten sich zu Tode gesoffen. So schaffte er es immerhin, sich nur noch einmal im Monat zu betrinken, und nicht jeden Tag.
Irgendwann hatte er begonnen, an Supermärkten Einkaufswagen für Kunden zurück in die Schlange zu stellen, er hatte in Fußgängerzonen mit gefundenen Tüchern und Bürsten Schuhe geputzt, er hatte Flaschen gesammelt – das hatte ihm auch seinen Spitznamen „Flaschen-Pietro“ verliehen, oder er hatte Touristen, die meisten aus Italien, Wissenswertes über München erzählt. Viel zu Fuß unterwegs, kannte er die Stadt wie seine Westentasche und er hatte ebenso schnell wie die Sprache gelernt, was in München angesagt war.

Pietro war fertig. Ein letzter Blick in den alten Spiegel gab ihm den Mut, in den heutigen Tag aufzubrechen. Er schöpfte Hoffnung nach zuletzt hoffnungslosen Tagen. Das beschissene Virus. Pietro hatte an dem einen oder anderen Kiosk schon die Zeitungsauslagen studiert, und sich so ein Bild von der derzeitigen Lage gemacht. Das Leben auf der Straße war hart. Derzeit wurde es noch härter. Oft hatte er mit verstohlenem Blick die vollen Einkaufswagen der Kunden an den unterschiedlichsten Supermärkten gemustert und die Chancen abgeschätzt, in einem unbemerkten Augenblick etwas zu stibitzen. Denn in den riesigen Mülltonnen die hinter den Einkaufszentren standen, war auch immer weniger zu finden. Ebenso war in den Einkaufspassagen oder Fußgängerzonen niemand mehr unterwegs und in den Müllkörben gähnende Leere. So war der Kampf um Essen, den Pietro und seine Kollegen sowieso immer täglich führten, zu einem Überlebenskampf geworden. An den Zustand seines Immunsystems wollte Pietro gar nicht denken. „Hochrisikogruppe“ – so wurden Menschen wir er in den Zeitungsartikeln genannt. Alkohol, vierzehn kräftezehrende Winter – und jetzt richtig abgemagert. Er durfte diesen verdammten Erreger nicht aufschnappen. Na, ja – „Social Distancing“ war für Leute seines Schlags zumindest kein Problem, dachte Pietro bitter.

Aber jetzt gab es diese ominöse Ankündigung. Vor zwei Tagen hatte ihn Joe, der Sozialarbeiter, für den er schon einmal die Obdachlosenzeitung verkauft hatte, angesprochen, ob er sich mit ihm am kommenden Freitag treffen wolle. Heute war Freitag. Pietro ging Richtung Innenstadt. Sie wollten sich am großen Kirchturm treffen. Die Sonne schien strahlend schön über der Stadt und hatte auch schon ordentlich Kraft. Pietro spürte das warme Kitzeln angenehm. Frühling! Ja, ihm war heute richtig frühlingshaft zumute. Er ging den schnellen Schritt geschäftiger Menschen. Wann war er das letzte Mal so zügig ausgeschritten? Um was es wohl gehen mochte? Hoffentlich wurden sein Erwartungen nicht ein weiteres Mal enttäuscht. Dann würde wieder mal ein Absturz anstehen. Das Muster kannte er inzwischen nur zu gut.

Er hatte von dem Rumänen, der ebenfalls schon Zeitung verkauft hatte und Spadi oder so ähnlich hieß, gehört, dass am Stadtrand eine Jugendherberge zur Zeit leer stehe und von einem Unternehmer in dieser schweren Zeit speziell für Obdachlose hergerichtet werde. Vielleicht gäbe es auch Arbeit. Einige hätten schon ihre Schlaflager in der Nähe aufgeschlagen. Um als erste am Zug zu sein. Die Szene war gut vernetzt. Geteiltes Leid war irgendwie auch halbes Leid. Aber auch jeder sich selbst der Nächste.

Gedankenverloren überquerte Pietro den Zebrastreifen an der großen Kreuzung, die Fußgängerampel stand eigentlich auf rot. Ein Lastwagen näherte sich mit ziemlich hoher Geschwindigkeit. „Pietro! Pietro!“ Pietro zuckte zusammen. Die Stimme kannte er. Sophia? Sophia rief ihn? Konnte das sein? Er hatte doch nichts getrunken? „Pietro!“ Die Stimme kam von hinten. Der Lastwagen war nur noch wenige Meter entfernt, die Bremsen quietschten. Pietro sah hoch, machte einen Satz rückwärts, stolperte über den Kinderwagen, … Der Muldenkipper rauschte hupend vorbei. „Pietro! He Pietro! Cosa fai?“ Pietro lag benommen am Boden, sah nach oben. Luisa. Luisa, die jüngste Cousine von Sophia, die Tochter des kleinen Bruders seines früheren Schwiegervaters stand über ihn gebeugt. Ein aufgeregter Wortschwall prasselte auf ihn nieder, dessen Sinn er im Moment nicht fassen konnte. „Willst Du Dich umbringen? Willst Du genau so schrecklich sterben wie meine Cousine? Warum hast Du Dich nie gemeldet? Ich habe Dich schon einmal gesehen, hier in der Stadt. Ich habe Dich gerufen. Dir nachgeschrieen. Maledetto, warum läufst Du einfach weiter? Warum läufst Du vor mir weg?“ Lusia hatte ihn am Kragen gepackt und zerrte an seinem fliederfarbenen Hemd. Tränen liefen ihr übers Gesicht, während der kleine Junge in Luisas Kinderwagen zu weinen begann. Hilflos rappelte sich Pietro hoch. „Ich laufe nicht vor Dir weg. Wo hast Du mich gesehen?“ Luisa ließ ihn los und fing plötzlich an zu lachen. „Egal. Dio Mio, war das knapp. Pietro! Pietro, jetzt kommst Du mit mir. He, Ich lebe seit fünf Jahren hier München. Mein Mann und ich haben einen Kurierdienst in Schwabing. Keine Widerreden. Du kommst mit. Salvatore, und Du bis still. Gibt keinen Grund zu weinen. Heute feiern wir das Wiedersehen mit Zio Pietro.“ Mit runden, braunen Auge starrte der kleine Bursche im Kinderwagen abwechselnd Luisa und Pietro an. Luisa hakte Pietro unter und setzte sich in Bewegung. Pietro sah vor sich die Silhouette der Frauenkirche. Blauer Himmel, weiße Federwölkchen. Es war wirklich Frühling geworden in München.

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