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Der Sprung.

Stille. Das Wasser des großen Stroms zog leise glucksend und tief schwarz vorbei. Rechts, stromabwärts blinkten in der Ferne die Positionslampen der Schleusen am Kraftwerk, gegenüber war der Widerschein der Straßenlaternen des kleinen Dorfs zu sehen. Vor ihm dümpelte die Schwimmblase mit seinem Gepäck. Die hatte Paulo im Schutz der Uferweiden schon ins Wasser gelassen, bevor er sich ein paar Stunden aufs Ohr gelegt hatte. Um zu checken ob, sie dicht war. Er war todmüde gewesen. In einem Rutsch Hamburg-Basel mit einem LKW aus Rumänien, der eigentlich auf dem Weg nach Rom, aber jetzt erst mal am großen Grenzübergang gestrandet war. Mit ihm allerdings reiste das Glück, er hatte gleich den nächsten Lift rheinaufwärts bekommen. Dann war er zu Fuß an das flache Uferstück gekommen, das an dieser Stelle ein kleine Bucht bildete. Er kannte sich bestens aus. Schließlich war er hier groß geworden. Eltern und Geschwister wussten nichts davon, dass er in der Gegend war. Gut so. Sie würde er auf dem Rückweg besuchen. Wann immer auch das sein würde.

Paulo – das war seit Kindheitstagen die Abkürzung von Paul-Horst, und heute freute sich seine Tessiner Freundin Gianna über den italienisch klingenden Namen – ließ sich ins Wasser gleiten. Scheisskalt. Trotz Neopren. Aber das war der leichteste Weg, unbemerkt in die Schweiz zu kommen. In dieser Zeit, in welcher plötzlich mitten durch Europa wieder bewachte Grenzen verliefen. Mit zwei kräftigen Flossenschlägen hatte Paulo die Strömung erreicht und überquerte jetzt mit der Kraft des Wassers den Strom. Wenige Minuten später glitt er über eine Kiesbank am Schweizer Ufer. Sie hatten schon als kleine Jungs ganz genau berechnet, wo im Fluss sie ins Wasser mussten, um an einer ganz bestimmten Stelle gegenüber anzukommen. Paulo verharrte kurz, lauschte, beobachtete die dunkle Wiese, die sich sanft ansteigend bis zu den Häusern des kleinen Dorfs zog. Es war kurz nach Mitternacht. Nichts. Alles still. Als er seinen schweren Gepäcksack über das Ufer zog, klackerten die feinen Kiesel leise. Wieder verharrte Paulo. Musterte die Häuser am Dorfrand. Wer wusste schon, ob nicht gerade ein schlafloser Pensionär am offenen Fenster frische Luft schnappte und beim Anblick eines schwarzen Froschmanns Alarm schlug. Aber nichts regte sich. Paulo zog die Flossen aus, drückte die Luft aus der Schwimmblase, schulterte den schweren Packsack und erreichte mit wenigen Schritten die schützende Buschgruppe, welche die Wiese ziemlich genau in der Mitte unterteilte. Paulo musste an die Erzählungen seines Opas denken, der früher von den Schweizer Grenzern erzählt hatte, die flüchtende Juden aus dem Wasser des Rheins gefischt hatten, um sie am nächsten Morgen am deutschen Grenzhäuschen ab- und dem sicheren Tod auszuliefern. Dagegen war sein kleines illegales Abenteuer ein Kindergartenstreich. Paulo zog sich um. Glücklicherweise war die Nachtluft schon lau. Im Schutz des Buschstreifens lief er Richtung Dorf. Durch eine kleine Gartentüre betrat er das Grundstück des kleinen Häuschens, das Georgio zurzeit bewohnte. Georgio war der große Bruder von Gianna, arbeitete als Krankenpfleger im nahen Basel und hatte heute Nachtdienst. Wie verabredet lag der Schlüssel unter der kleinen Vogeltränke. Paulo würde jetzt zwei Stunden schlafen und noch vor dem Morgengrauen mit Georgios altem VW-Bus aufbrechen.

«Gianna cara mia. Bin in der schönen und bestens bewachten Schweiz angekommen. Zwinkersmiley. Freu mich auf Dich! Herzsmiley. Muss’ aber vorher noch was erledigen. Zwinkersmiley.» Das war der Teil des Plans seiner Einreise in die Schweiz, den Gianna nicht kannte. Die Antwort kam prompt. «Du springst wieder! Warum? Ist das wichtiger als ich?» Paulo zögerte. «He Gianna keine unfairen Fragen. Natürlich nicht.» Das stimmte so nicht. Aber irgendwie doch. «Wieso unfair? Ich will einfach nur wissen, was wirklich ist.» Das war Gianna. Direkt. Ohne Umschweife. Paulo wusste es, als er tippte – eine dünne, klischeehafte Replik: «Ach Gianna. Nicht schon wieder. Wir hatten das doch schon so oft. Du kommst an erster Stelle! Ich liebe Dich! Herzsmiley.» Direkt, ohne Umschweife. Wenn sie sich jetzt gegenübergestanden hätten, würden ihre Augen in einem tiefen Schwarz geglüht haben: «Vergiss’ den schmalzigen Scheiss. Ich steh’ nicht auf Kitsch. Wir haben uns so lange nicht sehen können. Und jetzt musst Du zuerst noch springen. Das ist eine Sucht. Entscheide Dich. Ach was, spring’ halt. Und wenn sie Dich vom Kindergarten-Vorplatz kratzen, verspreche ich Dir, komme ich nur vielleicht zur Beerdigung. Nacht’. Schlaf’ schlecht. Stinkefinger.» Uups, Gianna war wirklich sauer. Zynismus war eigentlich nicht ihr hervorstechender Charakterzug, und obszöne Gesten schon gar nicht. Ein aufbrausendes Temperament schon. «Gianna? … Herzsmiley.» Das Mobile schwieg. Paulo schlief tatsächlich schlecht. Mit dem ersten Zwitschern der Vögel verlud er seine Siebensachen und startete Richtung Süden.

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Unglaublich. Schön. Im noch fahlen Licht des Morgengrauens hatten die schneebedeckten Gipfel der Alpen mit unwirklichem Glimmen schon den wunderbaren Tag angekündigt. Jetzt kurvte Paulo, nachdem er die Autobahn verlassen hatte, Richtung Lauterbrunnental. Die satt grünen Matten rechts und links der Straße grüßten mit Postkartenidylle und warmer Morgensonne. Frühe Schaffer waren mit ihren Balkenmähern auf den Wiesen unterwegs. «Morgen Gianna? … Noch böse auf mich?» Und wohlweislich kein Herzsmiley. Paulo ignorierte das Hinweisschild der Kantonspolizei, das fürs «Döggelen auf dem Handy» wie die Schweizer sagten, satte Bussen ankündigte. Aber sein Mobile schwieg beharrlich. So nahm Paulo diesen wunderbaren Morgen auch nur mit gedämpfter Freude wahr. Inzwischen war auch die Sonne aus seinem Blickfeld verschwunden, das Tal wurde eng und enger, die Felswände ragten hier hunderte Meter hoch, gleichsam direkt aus dem Himmel fallend, schroff, abweisend. Die eben noch sonnenwarme Fröhlichkeit wurde von einer um diese Uhrzeit fast noch düsteren Kälte abgelöst. Aber Paulo war jetzt an dem Platz, den er die letzten Wochen so vermisst hatte. Im «Mekka der Basejumper». Noch ein paar Serpentinen, vorbei an den Trümmelbachfällen, jetzt würde er irgendwo ein stille Waldwegeeinfahrt suchen, um den Bus abzustellen. Auf dem großen Parkplatz am Stechelberg würde er nämlich nicht so ideal stehen. Es herrschte gegenwärtig – die Kliniken mussten für mögliche Corona-Patienten freigehalten werden – absolutes Sprungverbot. Nicht jeder musste ihm zuschauen, wenn er seinen Rucksack mit dem Schirm auspackte.

Knapp anderthalb Stunden strammen Aufstiegs lagen hinter ihm. Aus dem morgendlichen Schatten und der empfindlichen Kälte des Tals herkommend, hatte Paulo rasch an Höhe gewonnen und genoss jetzt das Sonnenlicht und die Wärme. Er hatte Mürren links liegen gelassen und war entlang der Felskante talauswärts gewandert. Er würde heute von einem der weniger bekannten Exits springen, der auch zu Zeit der offenen Bergbahnen von den Springern nur selten genutzt wurde, weil er von der Bergstation in Mürren einen langen Fußmarsch und auf den letzten Metern ungesicherte Kletterei erforderte. Ein kleines Felsplateau, das als natürliche Kanzel über die Felswand herausragte. Der naturbelassene Spot war schon zu sehen. Stand dort jemand? Paulo blieb kurz stehen, kniff die Augen zusammen. Ja, da ragte eine feine Linie auf. Aber wenn es ein Mensch war, stand er regungslos wie eine Statue.

Paulo setzte sich wieder in Bewegung. Der vor ihm liegende Pfad senkte sich leicht ab, das Plateau verschwand wieder aus seinem Blickfeld. Als er es wieder sehen konnte, war er schon viel näher. Das war keine Statue und keine optische Täuschung. Ein glatzköpfiger Hüne stand direkt an der Kante. Wie bereit zum Sprung. Aber ohne Rucksack. Mit hochgekrempelter Outdoorhose und karriertem Hemd sah er auch nicht aus wie ein Basejumper, sondern wie ein ganz normaler Wanderer. Paulo kam näher. Der Mann stand regungslos, Paulo den Rücken zugewandt. Paulo war jetzt nur noch wenige Meter entfernt, über die kurze Kletterpassage würde er das Plateau erreichen. Paulo zögerte. Hatte der einsame Wanderer ihn nicht gehört? Sollte er rufen? Aber so dicht an der Kante – würde ihn sein Ruf erschrecken? Warum stand er überhaupt so dicht? Paulo wusste, hinter der Kante gähnten fast 700 Meter lotrechter Fels. «He?» Paulo machte sich halblaut bemerkbar. Mit einer nahezu unmerklichen Bewegung wippte der Mann kurz, als würde er gleich springen. Und verharrte wieder regungslos. Paulo schluckte leer durch. Sein Mund fühlte sich pelzig an. Was sollte er tun? Wollte der Fremde sich umbringen? Dem Augenschein nach musste er sehr alt sein. Der kahle, lederartig braun gebrannte Schädel war faltig, die ebenso braunen und faltigen Füße steckten in Sandalen. «He. Was machen Sie? Sie wollen sich doch nichts antun oder?» Paulo konnte nicht einfach zusehen, wie sich der Alte über die Kante stürzte. Wieder begann dieser mit den Füssen zu wippen. «Würde Dich das was angehen?» Der Mann sah immer noch nicht zu ihm, sondern stur ins Tal. Paulo begann zögernd zu klettern: «Also ich komme jetzt. OK?». Der Alte zuckte unmerklich mit den Schultern: «Tu, was Du nicht lassen kannst.» Dem Akzent nach ein Schweizer oder Franzose, Paulo war sich nicht sicher. Noch wenige Züge – Paulo schwang sich mit einem letzten Schwung auf die rund fünf Quadratmeter große Felsplatte. Dort lag ein kleiner, grauer, alter Militärrucksack. Er blieb unsicher stehen. Paulo war klar, einen Selbstmörder von seinem Suizid abzuhalten, war eigentlich der Job eines ausgebildeten Psychologen. Aber er musste doch etwas tun, etwas sagen: «Und jetzt? Was machen Sie denn? Warum stehen Sie da so knapp am Abgrund?» Paulo wusste, dass das ziemlich unbeholfen war. Langsam drehte sich der Alte um. Anstatt der Fußspitzen, ragten jetzt die Fersen über den scharf gezackten Felsrand. Sie musterten sich beide. Das Gesicht des Alten war ebenso braun verbrannt wie der Schädel, weiße, kurze Bartstoppeln rahmten den Mund, hellgrüne Augen – die Augen eines Wolfs – schoss es Paulo unwillkürlich durch den Kopf. Jetzt fletschte er die Zähne, nein, er lächelte ironisch: «Über tausend Meter sind wir Bergsportler doch per Du, oder?» Paulo verschlug es einen Moment die Sprache. Wollte der Unbekannte ihn auf den Arm nehmen? Oder sah er Gespenster? Und der Opa war einfach ein geübter, schwindelfreier Wanderer? «Also mir wär’s trotzdem lieber, wenn Sie, äh, wenn Du etwas vom Rand zurücktreten könntest», entgegnete Paulo. In seiner Stimme lag wohl mehr Panik, als er es sich eingestehen wollte. Denn der Alte antwortete ebenso prompt: «Warum denn so hektisch? Du willst doch auch springen von hier. Oder?» Diese Antwort war nicht dazu angetan, ihn zu beruhigen. Hatte der Wahnsinnige gesagt «auch springen»? Paulo stammelte eher als dass er sprach. «Ähm, ja. Schon. Aber ich habe einen Schirm.» Er blinzelte unsicher hinüber zu dem Mann. «So, so. Du hast einen Schirm. Aber warum springst Du dann? Du willst doch auch den Tod spüren, oder? Den Kick? Den Adrenalin-Flash? So sagt ihr Jungen doch dazu, oder?» «Oder, oder, oder?» Das ewige «Oder», war wohl doch ein Schweizer. Was ging den Alten sein Hobby an? Paulos Unsicherheit schlug plötzlich um: «Wüsste nicht warum ich mir Dir über meine Motivation zum Basejumping diskutieren sollte», stieß er unfreundlich hervor. Der Alte schien unbeeindruckt: «Aha. Aber Du hast doch angefangen, Fragen zu stellen? Habe ich Dich dazu eingeladen? Ist das Dein Felsen? Übrigens – ich bin Beat. Beziehungsweise, das war ich früher. Dann war ich ganz lange Hervé. Aber heute wär’ vielleicht der richtige Tag, wieder meinen Namen zu benutzen, auf den ich getauft wurde. Aber ganz was anderes – vom Tod hast Du keine Ahnung.» Einmal mehr verschlug es Paulo die Sprache. War der Alte komplett durchgeknallt? Faselte von verschiedenen Namen und wollte ihn hier, so ziemlich zwischen Himmel und Erde, offenbar in eine philosophische Diskussion verwickeln?

Es schien so, als könnte das länger dauern. Jetzt nämlich ließ sich Beat oder Hervé, oder wie auch immer er hieß, mit gekreuzten Beinen nieder. Also würde er schwerlich springen können, solang der Alte dasaß. Aber genau das war eigentlich das Einzige was er wollte – springen, die Bilder aus der Klinik in seinem Kopf löschen, sich in den VW-Bus setzen und zu Gianna fahren. Die Bilder in seinem Kopf. Genau deshalb provozierte ihn das irre Geschwätz des Jogis. So sah er nämlich aus, wie er jetzt im Schneidersitz im Gegenlicht der Sonne scheinbar auf der Felskante schwebte: zwar riesengroß, aber ausgemergelt, um nicht zu sagen verschrumpelt, und ihn mit seinen grünen Wolfsaugen seltsam konzentriert musternd. Und genau deshalb ließ er sich gegen seine Absicht zu einer Widerrede hinreißen: «Vom Tod keine Ahnung? Woher willst Du das wissen? Weisst Du wie es ist, wenn ein kleines Kind unter Deinen Händen wegstirbt? Hä? Weisst Du das?» In dem Moment als er es ausgesprochen hatte, reute es Paulo schon, sich hier an diesem wunderbaren Platz auf ein aus seiner Sicht fruchtloses Gespräch mit einem scheinbar nicht ganz zurechnungsfähigen Fremden eingelassen zu haben. Der Alte fixierte ihn unverwandt: «Ein junges Doktorchen also. In der Ausbildung. Und jetzt willst Du das Schreckliche vergessen. Oder die Verantwortung für das Sterben. Kannst Du nicht. Glaub’ mir’s.» Konnte der Alte hellsehen? Woher wußte er, dass er gerade als Kinderarzt seine Ausbildung in Hamburg absolvierte? Langsam wurde Paulo die Situation unheimlich. «Tot. Ja, mausetot. Das war der Ueli auch, den ich vor über siebzig Jahren mit der Schaufel erschlagen habe.» Paulo sträubten sich die Nackenhaare. Erschlagen? War das ein Albtraum? Oder ein zur Wirklichkeit gewordener Horrortrip? Der Alte schien durch ihn hindurchzusehen, um einfach weiterzureden: «Der Bastard einer Ledigen hat einen wirklichen Bastard erschlagen. Er hat mir keine Angst mehr gemacht. Der Ueli. Und der Tod auch nicht. Der macht mir keine Angst. Er begleitete mich treu. Ich war sein Geselle. In Afghanistan, im Kongo, in Burma, in Ruanda.» Paulo war einen Schritt zurückgewichen, musterte den leise sprechenden Alten mit seinen vom Entsetzen geweiteten Augen verständnislos. Der schien plötzlich wieder in der Gegenwart angekommen zu sein: «Ach so. Weisst Du: Légion étrangère. Die einzige Chance damals. Sonst hätte ich lebenslang im Zuchthaus geschmort – und nicht der Kinderschänder, der sich Bürgermeister nannte.» Paulo begriff: Der Alte war nicht irre. Er erzählte aus seinem Leben. Und deshalb auch der nicht klar zuzuordnende Akzent. Jetzt schien er ganz in der Gegenwart, während er sich ein grünliches Etwas in die Backentasche schob: «Der Tod, weisst Du, der bedeutet in meinem Alter, dass ich bald leben werde. Dort, wo alle ‹Tränen abgewischt sein werden, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.›» Surreal. Das schien Paulo am treffendsten zu beschreiben, was er gerade sah und hörte. Fromm war er also auch noch. Der Totschläger und Fremdenlegionär.

Was trieb ihn, sich auf den Alten weiter einzulassen? Er hörte sich sagen: «Bist Du sicher, dass Du dort ankommen wirst. Habe irgendwie mal mitgekriegt, dass sie Mörder und Deinesgleichen nicht so gerne sehen dort. Im Himmel.» Und bereute schon wieder. Diesmal seinen Zynismus. Der Alte sah ihn mit einem langen Blick an. Das ganze Gesicht verzog sich zu einem in tausende Fältchen zerbrechenden Lächeln, das plötzlich sehr gütig und entspannt wirkte: «Gottseidank nicht meine Entscheidung. Weisst Du, ich hoffe. Dass die Liebe stärker ist als der Hass – und meine Erfahrungen bestätigen diese Hoffnung.» In diesem Augenblick registrierte Paulo, was ihn an Hervés Augen irritierte. Sie waren von einem außerordentlichen Grün. Ohne Zweifel. Aber die Skleren waren gelblich. Der Alte schien tatsächlich seherische Fähigkeiten zu haben: «Doktorchen. Gut beobachtet. Leberzirrhose im fortgeschrittenen Stadium.» Warum nahm sich dieser seltsame Alte heraus, ihn «Doktorchen» zu nennen? Was soll’s. Darüber würde Paulo sich nicht weiter ärgern. Vielmehr schlich sich langsam Mitleid in sein Bewusstsein. «Doktorchen. Du bist klug. Das sehe ich Dir an.» War das Spott? Was kam jetzt als nächstes? Er rechnete mit allem. «Doktorchen. Erklär’ mir das mal. Warum haben sie jetzt auf der ganzen Welt Angst vor diesem Virus? Es würden so viel Menschen sterben, hör’ ich. Aber die sind doch schon immer gestorben. Da wo ich war, manchmal wie die Fliegen. Hat aber keinen gestört. Und Monsieur, wir waren meistens mit der Légion étrangère nicht zum Sanitätseinsatz dort. Wir haben dem Sterben vielerorts auf die Sprünge geholfen.» Ein bitteres Lächeln zuckte im Gesicht des Alten. Der französische Akzent trat stärker hervor. Er blickte Paulo erwartungsvoll an. Dem fiel dazu nichts Besseres ein als «Die Kliniken sollen nicht überlastet werden. Wir wollen die Alten und Kranken schützen.» Paulo wusste, das war am Thema vorbei. Aber was sollte er schon sagen? Der Alte entgegnete jetzt ganz ruhig: «Weisst Du was der Unterschied ist, zum jahrzehntelangen selbstverständlichen Sterben überall auf der Welt, und jetzt? Es könnte jeden treffen in der so genannten ersten Welt. Heute. Sofort. Morgen. Arm. Reich. Alt. Jung.» Er schüttelte den Kopf. Der Alte war unberechenbar, denn schon sprang er wieder in seinen Gedanken. «Ach so. Die Alten schützen. Ja, ja, Maria hat es fast fünfzig Jahre ausgehalten mit mir, nachdem ich von der Légion étrangère in die Schweiz zurückgekommen bin: mit einem Kriegsversehrten, den sie nachts fest in den Arm nahm, wenn er von Albträumen gequält schreiend aufwachte, mit einem nicht wirklich Arbeitsfähigen, der Theologie studierte, um dem Nichtverstehen und dem Unverständlichen auf die Schliche zu kommen. Mit einem in den Bergen herumstreuenden Sonderling, der schließlich begriffen hat, dass die Wahrheit ganz unkompliziert ist – von der Jesus gesagt hat, ‹sie wird Euch frei machen›: Lieben. Und geliebt werden. Jetzt lebt Maria. Aber nicht mehr hier. Vor zwei Wochen ist sie gestorben. Alleine. In der Klinik, die niemand von außerhalb betreten durfte. Genau, da sagten sie mir das auch schon: Sie und ich müssten andere schützen, und christliches Gebot sei es, das sagte der Pfarrer am Kirchhof, als ich ihn fragte, andere nicht zu gefährden. Aber Maria musste in der Klinik nicht lange warten aufs Leben. Gottseidank. Doktorchen, da habe ich schon die nächste Frage, die mich umtreibt die letzten Tage: Ist das eigentlich besonders human? Oder besonders christlich? Die Alten ins Heim abschieben, weil sie zu guten Zeiten bloß den Betrieb aufhalten. Und sie jetzt angeblich zu schützen, weil sie auf keinen Fall sterben dürfen? He, Doktorchen, ist das menschenfreundlich?» Paulo war peinlich berührt, hin und her gerissen zwischen Mitleid und Unwillen. Was tat er hier? Musste er sich hier mit einem armen, alten Mann streiten? Manchmal schien der ihm ziemlich wirr und dann wieder plötzlich, völlig klar. Er hätte schon lange wieder unten sein können. Er begann seinen Schirm zu kontrollieren und zog den Gurt an, um zu signalisieren, dass das Gespräch für ihn eigentlich beendet sei.

Die Frage kam unvermittelt: «Warum springst Du?» Paulo antwortete, einmal mehr wider Willen und kannte sich selbst nicht. «Weil ich nie so intensiv lebe, wie während des Sprungs.» Wo vorher Güte im Gesicht des Alten aufgeleuchtet hatte und Bitternis, war es jetzt feine Ironie: «Hast Du möglicherweise ein bisschen zu oft Bergsport-Filme geguckt und den Blödsinn für bare Münze genommen, den sie dort erzählen? Denn mal im Ernst, Du setzt Dein Leben aufs Spiel, für Nix. Und das nur, weil Du den Tod und die Angst davor vergessen willst?» Zu spät. Schon lag Paulo die Antwort auf den Lippen: «Woher willst Du wissen, dass ich Angst vor dem Tod habe. Habe mal von genau so einem frommen Prediger wie Dir gehört, dass das der Kern des Glaubens sei: Dem Tod ins Auge zu sehen, um zu leben. Das zeichne alle Helden aus. Und übrigens auch den Wanderprediger Jesus. Sinngemäß hast Du das vorhin doch auch gesagt. Da drüben würde alles gut sein. Oder habe ich was falsch verstanden?» Die Antwort des Alten kam schnell: «Du hast gut zugehört. Aber nichts verstanden. Das Privileg der Jugend.» Behänder, als er es dem Alten zugetraut hatte stand dieser plötzlich. Wieder mit den Fersen wippend an der Kante. Dann fragte er: «Hast Du eine Freundin?» In diesem Moment meldete ein feines «Pling», dass Gianna geschrieben hatte. Automatisch fischte Paulo sein Mobile aus der Seitentasche seiner Hose: «Paulo? Herzsmiley???» Wieder spielte feine Ironie um den Mund des Alten, um hellseherisch festzuhalten: «Sie meldet sich gerade. Lebt sie eigentlich auch so intensiv, wenn Du springst? Liebst Du sie?» Paulo wollte schon ein «Was geht Dich das an» zischen, als der Alte weiter fragte:«Springen wir?» Paulo erstarrte, ließ das Mobile wieder in die Tasche gleiten: «Wir?» Der Alte nickte: «Nimmst Du mich mit?» Paulo zuckte verständnislos mit den Schultern. «Dich mitnehmen? Die Maximallast für meinen Schirm liegt bei 115, allerhöchstens 130 Kilo. Und ich habe kein Tandemgurt.» Der Alte schien es ernst zu meinen: «Angst? Vor was? Ich wiege nicht mehr viel. Und mit ein paar Gurten knüpfe ich mit wenigen Handgriffen einen Harness. Kein Problem. Fallschirmspringer-Einheit bei der Légion étrangère. Das habe ich schon mehr als einmal gemacht.»

Scheisse. In was wer er hier hineingeraten? Der Alte liess nicht locker: «Noch einmal am Schirm fliegen. Die Welt aus der Vogelperspektive sehen. Gönn’ einem uralten Mann doch eine Freude.» Scheisse, Scheisse, Scheisse. Paulos Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Konnte er das riskieren? Was war, wenn es schief ging? Warum sollte er einen Wildfremden mitnehmen? Wieder Ironie im Gesicht des Alten: «Der Kick wird heftiger sein und Dein Leben intensiver. Glaub’s mir.» Paulo schwieg. Leise, als wäre es eine ganz beiläufige Feststellung wandte der Alte ein: «Gehen wir doch mal die Optionen durch. Erste Option: Ich lasse mich nach hinten fallen. Ich werde vermutlich nicht weit genug weg von der Wand kommen, nach wenigen Metern auf einem Felsen aufschlagen und mausetot über mehrere Stufen ins Tal stürzen. Ein Richter würde sagen: Unterlassene Hilfeleistung.» Paulo wich alles Blut aus dem Gesicht. Der Alte beobachteten ihn – wie er jetzt fand – höhnisch aus seinen kaltgrünen Wolfsaugen. Er wollte ihn erpressen. Hätte er bloß gleich auf dem Absatz kehrt gemacht. Die jetzt immer noch leise, beiläufige Stimme dröhnte in seinem Kopf: «Option zwei: Du hilfst einem alten Mann in seinen letzten Tagen, rettest ihm das Leben, und machst ihm darüber hinaus eine Freude. Du hast die Wahl.» Wut kroch in Paulo hoch. Und Angst. Er war nicht gläubig, und vor allem nicht abergläubisch. Aber wer war der Alte? Der schien in ihm zu lesen wie in einem Buch: «Angst? Vor was? Vor dem Tod? Vor dem Teufel? Das bin ich alles nicht. Bloß ein alter, kranker Mann, der Dich um einen kleinen Hilfsdienst für Deinen Nächsten bittet.»

Paulo brach der Schweiß aus allen Poren. Wie kam er aus dieser Nummer? Der Alte hatte inzwischen seinen Rucksack gegriffen, daraus ein paar alte Kletterschlingen gezogen und begann mit geübten Griffen einen Sitzgurt zu knüpfen. Fröhlich lächelnd sah er Paulo an: «Das Leben ist schön unterm Strich. Du hast immer die Wahl. Für die Liebe, dafür, andere zu lieben wie Dich selbst. Ist nicht so schwer. Du kennst doch das Gefühl als Springer. Vor Dir gähnt der Abgrund. Die Ängstlichen krallen sich fest, und stolpern. Die Mutigen lassen los. Und springen.» Was redete der Alte? Wollte er ihn verhöhnen? Sollte er ihn einfach niederschlagen und das Weite suchen. Wieder schien dieser Gedanken lesen zu können. «Doktorchen. Hat keinen Sinn. Dreissig Jahre Einzelkämpfer-Erfahrung. Du wirst nichts ausrichten, auch wenn ich weit über Neunzig und ziemlich klapprig bin.» Der Alte streifte den selbst geknüpften Gurt über. «Auf was wartest Du?» Paulo zurrte mechanisch die Riemen an seinem Gurt fest, kontrollierte den Auslösegriff des Schirms, trat mit einem unsicheren Schritt auf den Alten zu. Der packte ihn mit einer flinken Drehung an der Schulter, zog ihn mit eisernen Griff an sich, hängte die Schlaufe seines improvisierten Harness in den Schraubkarabiner von Paulos Sitzgurt und meinte lakonisch: «Es kann losgehen. Du gibst das Kommando und das Tempo vor.» Der Alte hatte Routine, ohne Zweifel. Jetzt hatte Paulo keine Wahl mehr. Es gab kein Zurück. Sein Herz pochte bis in den Schädel. War das sein Ende? Der Himmel erschien ihm schwarz, die Sonne als Gleisender, brennender Ball. Sie gingen gemeinsam bis ans hintere Ende der Felsplatte: «Eins, zwei, drei. Go!»

Sie stießen sich von der Wand ab, waren gut hinausgekommen, um nicht an die Wand zu schlagen, wenn der Schirm aufging. Aber sie waren zu schwer. Zu schnell. Paulo zog den Auslösegriff. Der Sturz ins Leere wurde gebremst, der Karabiner an seiner Brust riss ihn nach vorne, als der Alte in den Harness geschleudert wurde. Der packte ihn jetzt, schräg unter ihm hängend am Gürtel. Zog sich leicht nach oben. Aber sie waren definitiv zu schwer für die Größe des Schirms. Es ging wie im Fahrstuhl abwärts. Rund fünfzig Meter von ihnen entfernt raste die Felswand vorbei. Das Klicken des Karabiners. Paulo würde es nie vergessen. Plötzlich war der Alte weg. Er sah nach unten. Wo war er? Weg! Einfach weg? Neunkommaachteins Meter pro Sekunde waren verdammt schnell. Aber er hätte doch sehen müssen, wohin der Alte stürzte? Paulo schwebte inzwischen im gewohnten Tempo Richtung Tal. Entlang der Felswand. So dass sein blauer Schirm von unten nicht so gut gesehen wurde. Wie in Trance brachte er den Flug an den Boden, auf einer kleinen Wiese, die gegen die Straße hin von einer kleinen Baumgruppe verdeckt wurde. Paulo blieb schwer schnaufend liegend. Es fühlte sich an, als ob Adrenalin pur durch seine Adern pumpen würden. Was war das? Spielten seine Sinne verrückt? Hatte er zu wenig geschlafen? «Pling». Tastend griff Paulo nach seinem Mobile: «Paulo. Wo bist Du? Ich mach’ mir echt Sorgen. War gestern nicht so gemeint. Sorry. Tut mir echt Leid. Bin im Moment ein bisschen durch den Wind. Aber das erzähle ich Dir, wenn wir uns sehen. Glücksherz, Glücksherz. Kuss! Gianna.» Paulo starrte das Display an. Gestern? Wann war das gewesen? Zitternd tippte er: «Gerade gelandet. Mein letzter Sprung. Versprochen.» Dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

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