Ansichten
Kommentare 1

Von Männern und Schweinen.

Ich würde Fettnäpfchen lieben. Sagen manche meiner Freunde. Das stimmt nicht ganz. Aber als Schreibender wird das immer schwieriger, selbige zu umgehen.

Politisch korrekt, geschlechtsneutral, in keinem Fall ausgrenzend und CO2-bewusst – sich unverfänglich zu äussern, wird aus professioneller und persönlicher Sicht eine mühsame Übung. Die wildesten Blüten treiben gegenwärtig die Forderungen zur «gendergerechten Sprache». Oh je. Ich steuere unweigerlich aufs nächste zu …

Zuerst fing es ganz harmlos an: Als Texter – äh sorry, Textender – durfte ich nicht mehr von «Mitarbeitern» sprechen, sondern hatte explizit über die «Mitarbeiterinnen» und «Mitarbeiter» zu schreiben. Zu friedensbewegten Zeiten in Freiburg schrieben wir dann schick und praktisch über die «MitarbeiterInnen». Na ja, das war irgendwie noch höflich und nachvollziehbar, Frauen in einer männerdominierten Welt explizit anzusprechen, den Menschen mit dem verflixten Y-Chromosom gleichberechtigt.

Dann kam «Gender Mainstreaming». Ok, die Gleichstellung der Geschlechter in vielen Lebensbereichen war wirklich noch nicht so überzeugend: Mancher Kollege, der in seiner Jugend noch heftig revolutionär vorweg marschierte (also erzählten sie so auf jeden Fall) und natürlich Frauenversteher war, mischte beim Wickeln des frisch geborenen Nachwuchses plötzlich nicht mehr ganz vorne mit.

Doch was einmal «ok» war, ist zum Gesetz geworden. Seit den Amsterdamer Verträgen von 1997/1999 ist Gender-Mainstreaming ein erklärtes Ziel der Europäischen Union. Beschlossen und festgelegt. Die demokratische Legitimation hierzulande steht zwanzig Jahre später noch aus. Weiterhin ließe sich darüber streiten, ob «gender studies» in Wirklichkeit mehr Ideologie als Wissenschaft sind. Aber das würde den Platz der Kolumne und vermutlich auch die Geduld der Lesenden (!) sprengen. In jedem Fall wurden aus «Mitarbeiterin» und «Mitarbeiter» plötzlich das «Mitarbeitende». Nee, oder? «Der Mitarbeitende». Aber das stimmt auch wieder nicht, denn «der» ist männlich. Und männlich gibt’s nicht wirklich. Denn Geschlecht ist nicht biologisch vorgegeben, sondern «sozial konstruiert». Hä? Ja, «Gender wird mithin als soziale Realität gesehen und nicht als natürlich gegebenes Faktum. Diese Form der Geschlechtlichkeit entsteht und verändert sich gesellschaftlich, also in der Interaktion zwischen Individuum, Gruppe und Gesellschaft.» Ach so, Habermas. Kenne ich aus der Kommunikationstheorie.

Aber noch mal von vorn? Männlein und Weiblein gibt es nicht wirklich? Das, was ich an mir selbst sehe, also z.B. wenn ich dusche, bloße Einbildung, der «bürgerlichen Vorstellung» davon entsprungen, was Mann und Frau, was männlich und weiblich ist? Die Erkenntnis der (Evolutions-) Biologie alles Unfug? Bin ich komplett irre? Oder die anderen. Tja, man könnte ja drüber lachen. Aber «gender studies» sind flächendeckend die Grundlage für die Curricula der einschlägigen Fächer in Schulen und Hochschulen. Und das sind sie nicht unter dem Aspekt der, die oder das «Andere» zu respektieren ohne es zu be- oder abzuwerten. Und sie sind es auch nicht mit der Absicht, die epidemische, gewalttätige Übergriffigkeit von Männern einzudämmen. Oder die damit verbundenen Machtstrukturen wirklich aufzubrechen. Sondern sie nehmen vielmehr mit dem bekehrenden Furor der identitär, «woke» Erleuchteten in Anspruch, Wahrheit zu verkünden. Eine vermeintliche Wahrheit, die mehr Mauern aufbaut, als sie einreißt. Nicht zuletzt mit der sich immer penetranter durchsetzenden Forderung sich «gendergerecht» korrekt schriftlich und mündlich mitzuteilen.

Da wird’s knifflig: Ist es jetzt eben «das Mitarbeitende» oder «der Mitarbeitende», «der» oder «die» oder «das Schreinernde»? Und wie schreiben wir über den Sport? «Fussballernde»? Wer spielt dann eigentlich gegen wen? Herren- gegen Damen-Mannschaften? Halt! Allein diese Frage ist ein no go: In vier Worten drei Begriffe, die es gar nicht geben darf. Aber lassen wir das. Gibt ja Wichtigeres als Sport. Wie reden wir also über Religion? «Gott», «Göttin», hm, … keine Ahnung. «Muslim» und «Muslima» gehen schon, weil dort gibt es ja noch den Unterschied aus anderen Gründen. Evangelisch würde es vielleicht «den muslimischen Glauben Ausübende» heissen. Apropos evangelisch: «Bischöffin» ginge wieder gar nicht. Aber was dann? Oder wie sprechen wir über die Gesundheit? «Das Arzt»? Die Persiflage als Regelsprache? Fragen über Fragen. Jetzt wären wir wieder bei Habermas: Kommunikation bedeutet, sich «verständigungsorientiert aufeinander zu beziehen». Dürfte künftig schwierig werden.

Aber vielleicht bin ich ja ein Hund? Denn alles ist «soziale Realität und nicht natürlich gegebenes Faktum». Also neulich am Frühstücks-Buffet – nö, nicht Hund, jetzt weiss ich’s: Ein Schwein. Ja, ich bin ein Schwein. Wussten schon «Die Ärzte» – Männer sind Schweine …

1 Kommentare

  1. Klaus Opitz sagt

    Lieber Justus,
    An diesem Neusprech und angeblich politische Korrektheit könnte ich verzweifeln. Ab und zu bringt es mich dann aber doch zum Lachen. Wir sind gerade im Urlaub, waren kurz in Konstanz und dort habe ich eine Mohrenapotheke gesehen. Zu allem Ùbel stand auch noch eine Figur eines knapp bekleideten maximal pigmentierten Mensch*in auf einem Sockel an der Hauswand. Also nicht nur rassistisch und kolonialistisch, sondern auch noch sexistisch, ja geht’s noch bei den Schwaben?
    Nun der clevere Apotheker*in hat sich zu helfen gewusst, er hat das „M“ entfernt, jetzt ist es eine „Ohrenapotheke“ das suggeriert doch gleich, dass man da drin ganz Ohr ist für die Beschwerden der Kund*innen. Was soll man nur mit der Figur machen? Mein Vorschlag: man könnte sie durch eine schwäbische Narrenfigur ersetzen, in einem Regenbogen-Häs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.