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Junk fürs Hirn.

«Was ist doch das jetzt schlimm mit den fake-news, und das Gerede von der Lügenpresse», «Wie kann es denn bloss sein, dass diese Amerikaner diesen schrecklichen Donald Trump gewählt haben und womöglich wieder wählen». «Na ja, und diese Brexit-Briten» oder «Huch, diese AfD-Hetze und Covidioten, und wieviele auch bei uns drauf hereinfallen»: Gehört alles zum guten Ton in bildungsbürgerlichen Kreisen beim gepflegten Mosel-Riesling und sautierten Felchenfilet auf Safran-Risotto. Ebenso wie die Aufregung über den Niedergang der Deutschen Presselandschaft von Stern bis Spiegel und von Süddeutscher bis FAZ, oder über das bescheidene Niveau des lokalen Provinz-Blättchens. Und dann kommt – weil unsereins ja «vom Fach» ist – die Auslöser-Frage für eine Wut-Rede: «Kannst Du mir eigentlich erklären, warum ein Digital-Abo im Verhältnis zur gedruckten Zeitung so teuer ist?»

Habe ich mich verhört? Teuer? Wir reden über im Schnitt 10,- Euro pro Monat. Das sind vier Burger oder ebenso viel Bier, zwei Tiefkühl-Pizzen oder eine halbe Packung Kondome. Oder eben das Fläschchen Mosel-Riesling. Teuer? Hallo? Um was geht es? Wollt ihr guten Journalismus, der Hintergründe ausleuchtet, der Zusammenhänge herstellt, der anstatt Gerüchten Fakten zusammenträgt, der Euch mit einer gut recherchierten Story die Möglichkeiten neuer Einsichten verschafft und die Chance gibt, der Wirklichkeit einer Sache etwas näher zu kommen? Oder wollt Ihr Info-Junk? Billig recherchiert von schlecht bezahlten Tagelöhnern, geschrieben von ebenso schlecht entlohnten und deshalb wenig motivierten Redakteuren?

Ihr könnt Euch stundenlang über die Feinheiten eines im Smoker zubereiteten Lammkarrées unterhalten und ebenso lange die Vorteile der handverlesenen Orangen, das Pfund zu sechs Euro, von «Meinem Italiener» (gehört Euch der eigentlich) loben, aber ihr findet mickrige 10,- Euro teuer? Mal ehrlich: Bildung ist Euch nichts wert, Wissen ist Euch nichts wert, gute Sprache und Bilder sind Euch nichts wert. Ihr seid versaut von einer «Geiz-ist-geil»-Kultur, vom dauerhaften, vermeintlich kostenlosen Facebook-Konsum gewohnt, Fake für bare Münze zu nehmen. Dabei ist der Zusammenhang so einfach wie beim Essen oder Sex: Junk-Food macht fett und träge, sorgt im besten Fall für Durchfall oder Verstopfung, im schlechtesten für Krebs, und die schnelle Nummer ist zum Vergessen. Junk-Info lässt Euch verblöden. Und ihr redet denselben Stuss wie jene, denen die Apothekenumschau mehr wert ist als seriöse Information. Weil sie’s möglicherweise wirklich nicht besser verstehen oder mit kleinem Geldbeutel ebenso geizig sind. Aber vielleicht habt Ihr eines Tages wirklich nichts Besseres verdient, als unter der Diktatur korrupter Systeme seniler Herren zu leben, oder der Allmacht digitaler Monopolisten ausgeliefert zu sein. Weil Euch 10,- Euro im Monat, oder schlappe 30 Cent am Tag für die Freiheit von Geist und Wort zuviel waren.

Okay. Das war nicht sachlich. Der Abend endete etwas gallig. Aber musste einfach mal gesagt werden.

4 Kommentare

  1. Martin Keller sagt

    Hallo Justus,
    manchmal muss man gallig werden, um etwas klar auszudrücken.
    Gute „Ansicht“. Bis hoffentlich bald mal bei einem Bier.
    Kelly

  2. Wirklich starke Wutrede, lieber Justus. So stelle ich mir die Reden von Jesus vor, wenn er heute auf dem Ratshausplatz steht.

  3. Walter Zaugg sagt

    Hallo Justus
    Sensationell, klare Worte, keine Politik …, gefällt mir!
    Viele Grüsse
    Walter

  4. manfred Burth sagt

    … endlich mal Klartext. Nur weiter so, …
    Gefällt mir auch!
    Sonnige Grüsse
    Manfred

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