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So·li·da·ri·tät.

So·li·da·ri·tät, (zolidariˈtɛːt), Substantiv, feminin [die] hat Hochkonjunktur in (Corona-) Zeiten wie diesen. Jeder beruft sich auf sie, öffentlich wird sie vielstimmig eingefordert, und wer sich jetzt unsolidarisch verhält, ist gesellschaftlich und politisch sowieso schon so gut wie tot.

Schwere Zeiten also für Individualisten und kreative Menschen, die es gewohnt sind, ihren Gedankenbahnen auf anderen Wegen Freiheit zu gönnen. Denn immer schwebt der Vorwurf im Raum, sich unsolidarisch zu verhalten, oder zumindest mit unsolidarischem Denken, Reden und Schreiben, unsolidarische Tendenzen zu fördern. Das beginnt dann schon bei scheinbar so banalen Fragen wie der Diskussion über die Sinnhaftigkeit von flächendeckender Maskenpflicht oder Ausgangssperren und hört bei ethisch kaum eindeutig zu beantwortenden Fragen, wer im Zweifelsfall beatmet werden soll, noch lange nicht auf. Auf Grund- und Bürgerrechte zu pochen, wirkt dann im Getöse des «Kampfes auf Leben und Tod» schnell wie unsolidarisches Querulantentum.

Und wenn zu politischen Hoffnungsträgern hochgejazzte Krisenmanager ein «Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der Covid-19-Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie», auf verständliches Deutsch reduziert ein Notstandsgesetz wie zu Kriegszeiten, im Schnellverfahren durchs Parlament bringen möchten, wie das Armin Laschet dieser Tage versucht hat, ja, dann soll Solidarität sogar zum Gesetz werden. Mithin ist unsolidarisches Verhalten – und Denken – gesetzeswidrig. So sind wir von totalitärem Denken nicht mehr weit entfernt.

Ja, Solidarität ist, mir der gerechten Girlande arbeiterbewegter Romantik geschmückt, im Bewusstsein der meisten Menschen positiv besetzt. Und seit – sagen wir mal rund sechs Wochen (Stand Ende März 2020) – eben erste Bürgerpflicht. Aber der Begriff hatte schon immer etwas Rigiroses, Ideologisches. Historisch wurde Solidarität in der Arbeiterbewegung als «Tugend» der Arbeiterklasse hervorgehoben. Laut Bedeutungswörterbuch ist Solidarität «unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele». Wobei wir schon auf ziemlich kurzem Wege zum Kern der ganzen Angelegenheit vorgestoßen sind. «Unbedingtes Zusammenhalten» mag in einer pluralistischen Gesellschaft noch angehen – und könnte zum Beispiel auch aus ideellen Motiven geschehen. Aber«aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele» im Gleichschritt seine Freiheit aufzugeben, passt weder zum Selbstverständnis eines Bürgers noch eines – unabhängig – denkenden Menschen.

Jürgen Habermas, der deutsche Philosoph und Soziologe demgegenüber  beschrieb Solidarität so: «Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Eigeninteresse Nachteile in Kauf.» Der Kniff des Soziologen: Das Ziel wird gar nicht mehr erwähnt, sondern die Begründung für das solidarische Verhalten erklärt sich aus seiner Beziehung zum anderen, beziehungsweise zum Kollektiv. Solidarität wird so – wie viele andere Werte im soziologischen Deutungsmuster – zum sich selbst erklärenden Maßstab, begründet durch die Übereinkunft der Gruppe. Stillschweigend verpackt diese Begriffsdeutung außerdem die Unterstellung, dass das langfristige Eigeninteresse und die Übereinkunft mit den anderen eins seien.

In jedem Fall passiert genau das gegenwärtig: Solidarität ist die Übereinkunft des Kollektivs. Das langfristige Eigeninteresse, im Falle der gegenwärtigen Solidaritätswelle das «Überleben, während das Virus wütet», kann mühelos mit dem gesellschaftlich-politischen Ziel «Abflachen der Infektionskurve und Senkung der Sterblichkeit vor allem der Alten und Schwachen» verbunden oder gar gleichgesetzt werden. Damit sind erstens alle unsolidarisch, welche dieses eigene und die kollektiven Ziele und vor allem ihre absolute Priorisierung hinterfragen, und zweitens sind auch alle unsolidarisch, die möglicherweise andere Lebens- und Gesellschaftsziele in Stellung bringen, als da wären Freiheit- und Persönlichkeitsrechte, Eigentumsrechte, wirtschaftliche Betätigung – und viele mehr. Das kann dann dazu führen, dass der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach abweichende Einschätzungen als fake news «löschen» – nicht diskutieren und argumentieren – möchte, und Menschen, die noch vor wenigen Wochen Telefonüberwachungen Krimineller durch staatsanwaltlich kontrollierte Ermittlungsbehörden abgelehnt haben, heute für flächendeckendes Tracking von Handydaten plädieren.

«Solidarisch sein» ist so eine nicht mehr hinterfragte Chiffre geworden fürs Dazugehören: «#machmit», «#stayathome», «#ichbleibfuerdichzuhause». Eine Welle der Übereinkunft dominiert alle Kanäle. In den Achtzigern veröffentlichte Morton Rhue seinen Roman «Die Welle», um die Funktionsweise des Faschismus, aber auch ganz grundsätzlich autoritärer Systeme und ihre Entstehung anschaulich zu machen. Drei Prinzipien führten dazu, dass sich Schüler in einem Experiment zu totalitärer Absolutheit manipulieren liessen: Erstens das Prinzip «Macht durch Disziplin», zweitens «Macht durch Gemeinschaft» und schließlich drittens »Macht durch Handeln». Das erste Prinzip wird schon exekutiert: Einschränkung der Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, Einschränkung der Eigentumsrechte, Ausgangssperren, Betretungsverbote und so weiter. Die Phase des zweiten Prinzips gestalten wir gerade aus mit dem «Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein, das wichtiger ist als man selbst». So begeisterte Ben Ross im Experiment die Schüler für seine «Welle».

Sichtbares Sinnbild für dieses «Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein» ist die Gesichtsmaske. Denn während sich die Wissenschaft noch nicht einig ist, ob und wie solche Masken im Infektionsgeschehen wirken können, werden sachliche Argumente zweitrangig und von der gesellschaftlichen Übereinkunft der Solidarität kassiert: «Mediziner und Politiker hoffen, dass die Masken zu einem allgegenwärtigen Signal werden, um an den Ausnahmezustand zu erinnern», schreibt spiegel.de in einem – kurioserweise – Wissenschaftsbeitrag.

Bleibt die Frage, ob wir als freiheitliche Gesellschaft die «Macht durch Handeln» überleben. Im Zweifel müssen wir nicht nur gegen das Virus, sondern auch für die Freiheit kämpfen.

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