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Der schönste Tag – oder als Peter Steiner verschwand.

Der Tag versprach schön zu werden. Einer jener ersten lauen Frühlingstage wie sie die Westwinde durch die burgundische Pforte früher als anderswo ans Rheinknie blasen. Peter Steiner war zeitig dran, und so ließ er sich Zeit bei seinem Umweg ins Büro. Mit dem Fahrrad gondelte er gemütlich über die Markgräflerstraße hinab an den unteren Rheinweg, an den hässlichen Druckbehältern und Tanks der «Chemischen» vorbei – wie die Basler ihre großen Pharmaunternehmen nennen. Von der Dreirosenbrücke ging es dann Richtung City. Peter Steiner genoß diese kleine Rundfahrt am Morgen, wenn er vom Rheinufer kommend an der mittleren Rheinbrücke stadteinwärts einbog. Zu dieser Zeit lärmte die Stadt noch nicht im grellen Geräusch und ohne Hast stiegen die Menschen an den Straßenbahnhaltestellen ein und aus. Ja, Basel, das sich tagsüber in fast weltläufiger Hektik von seiner unfreundlichen Seite zeigte – um diese Zeit strahlten Straßen und Plätze eine heitere Gelassenheit aus. Und die Stadt, sie tönte anders. Das Gebimmel der Tram war deutlich zu hören und aus den zum Lüften geöffneten Fenstern der Stadthäuser manchmal das morgendliche Toilettenrauschen zu vernehmen – eine fast dörfliche Intimität, die Peter liebte. Bei der Bäckerei in der Nähe des Spalentors hatte Peter Steiner wie immer zwei  «Gipfeli» gekauft – die Basler Spezialität, weder Croissant noch Milchbrötchen – dann radelte er auf direktem Weg ins Büro. Ein ordentlicher Tag im geordneten Leben des Peter Steiner nahm seinen Anfang.

Als Peter sein Zimmer betrat, lag mitten auf seinem Schreibtisch ein Zettel. Peter sah ihn sofort. Denn sein Schreibtisch war immer peinlich genau aufgeräumt, wenn er ihn abends verließ. Bleistifte, Kugelschreiber und Radiergummi hatten ihren festen Platz und die seit einigen Jahren die Steinersche Schreibtischordnung neu herausfordernde Docking-Station lag auf einem Anbaubrettchen, das er selbst ausgetüftelt hatte. Vor allem die Maus mit dem eigenwillig kringelnden Anschlußkabel hatte sich zu Anfang seinem Ordnungswillen widersetzt. In immer neuen Formen lag das Kabel entweder im wilden Knäuel oder in störendem Durcheinander mit Lineal oder Bleistift auf seiner Schreibunterlage. Aber er hatte das Problem gelöst. Ein Ständer, normalerweise für Haushaltspapier-Rollen vorgesehen, bändigte jetzt die Maus mit ihrem frechen Kabelschwanz. Den Zettel sah er sofort, auf den ersten Blick, als er die Tür aufstieß und das Zimmer betrat. Der Zettel war rot. Nicht etwa weiß, oder gelb, wie sich das für Notizzettel in einem geordneten Bürobetrieb gehörte, sondern rot. Ein beunruhigendes rot, wie Peter Steiner sofort empfand. In schwungvollen Buchstaben stand auf dem Zettel „Herr Kellinghaus erwartet sie um 10 Uhr in seinem Büro. Mit freundlichem Gruß, Marianne Rosenberg“. Marianne Rosenberg war die Chefsekretärin von Martin Kellinghaus, dem Firmeninhaber und geschäftsführenden Direktor. Daß Marianne Rosenberg diese Nachricht geschrieben hatte, erklärte auch das beunruhigende Rot – wie Peter Steiner anfangs meinte. Sie war nämlich die etwas schräge, um nicht zu sagen schrille rechte Hand des Chefs. 

Steiner war also  beunruhigt. Warum rief der Chef ihn zu sich? Peter Steiner konnte sich nicht erinnern, daß der Chef ihn jemals schriftlich zu sich gebeten hatte. Daß er ihn auf dem Flur ansprach, sich nach Wohlbefinden und Gang der Dinge erkundigte, das gab’s schon öfters. Auch daß er ihn in einem solchen Fall kurz mit ins Büro nahm, um irgendein Geschäftsvorfall kurz zu besprechen. Aber eine schriftliche Aufforderung durch Marianne Rosenberg – auf einem unangenehm roten Zettel? Ja, Steiner war sich jetzt ganz sicher, dieses Rot war richtig unangenehm, es verwirrte ihn, machte ihn unsicher. Gedanken, Erinnerungen gingen ihm im Kopf herum, Dinge die er längst vergessen glaubte, abgelegt in den Aktenordnern seines auf geraden Regalen abgestellten Lebens. Die zwei Stunden vergingen quälend zäh und Peter Steiner grübelte jetzt mehr als er arbeitete.

Kellinghaus hatte lange nachgedacht: Steiner war genau der Richtige für die große Aufgabe, die er sich vorgenommen hatte. Ab diesem Frühjahr wollte er den lang gehegten Plan verwirklichen und in seinem Betrieb eine Innenrevision installieren. Und Steiner war der Mann, der die neue Abteilung leiten sollte. Sicher, ein richtiger Karrieresprung würde es für den Buchhalter Steiner sein, plötzlich Führungsverantwortung zu übernehmen. Aber Kellinghaus war sich sicher, dem Peter Steiner würde das nicht zu Kopf steigen. Nüchtern bis auf die Knochen, akribisch, zuverlässig und verschwiegen hatte er genau die richtigen Eigenschaften für einen Revisor. Steiner wirkte so altmodisch trocken, daß Kellinghaus immer meinte, in dessen Zimmer einen staubig-muffigen Geruch wahrzunehmen, obwohl das völlig absurd war. Denn Steiner achtete so penibel wie sonst niemand, daß sein Büro immer gut gelüftet war. Einzig das jungenhafte Gesicht paßte nicht ganz zum akkuraten Steiner und die manchmal nahezu verträumten Augen. Aber das hing möglicherweise damit zusammen, daß der über vierzigjährige Steiner Junggeselle war. 

Martin Kellinghaus hatte die Personalakte genau studiert: mittelmäßige Matura, Militärzeit, Banklehre bei der Credit Suisse, ein sehr gutes Abschlusszeugnis, vierjährige Tätigkeit in der Niederlassung am Kunstmuseum als Sachbearbeiter Backoffice, und dann Eintritt in die Kellinghaus AG. Seit über 20 Jahren unverändert in der Buchhaltung. Das waren die beruflichen Stationen des Peter Steiner, der offensichtlich ohne Ehrgeiz und Ambitionen, aber zuverlässig wie sonst keiner, seine Arbeit versah. Gerade das Fehlen von Ehrgeiz prädestinierte nach Kellinghaus‘ Auffassung Peter Steiner für den Posten als Innenrevisor. So würde er von allen akzeptiert und respektiert sein, keiner den Verdacht hegen, der neu gebackene Revisor wolle sich auf Kosten anderer profilieren. Der Chef ging die Unterlagen nochmals durch. Ja, die Entscheidung war gut, Steiner war der richtige Mann. Gerade als er die Akte zuklappen wollte fiel Kellinghaus ein Datum ins Auge: am 1. Juni 1995 war Steiner in die Kellinghaus AG eingetreten, doch schon am 1. Mai 1994 hatte er den Schweizerischen Bankverein verlassen. Das war ihm bisher entgangen. Die einzigen Unterbrechungen im Werdegang des Peter Steiner waren die Militärübungen, hatte er den Unterlagen entnommen. Doch hier «fehlte» ein Jahr im sonst so eindeutigen Lebenslauf des rundum berechenbaren Buchhalter Steiners – und Kellinghaus sah’s zum ersten Mal. Das mußte schon damals bei der Einstellung untergegangen sein. Denn Kellinghaus Senior duldete keinerlei «Bummelzeiten», wie sich der Sohn nur noch zu gut erinnern konnte. Kellinghaus nahm sich vor – das wollte er den Steiner nachher fragen, was in jenem Jahr war. Nicht gleich, erst wenn er ihm die Beförderung zum neuen Chef-Controller bekannt gemacht hatte. Ja, vielleicht hatte sich der unscheinbare Steiner einfach eine Auszeit genommen, warum auch nicht. Das sollte jetzt kein Hinderungsgrund mehr sein, für den Aufstieg. Aber er wollte trotzdem fragen, einfach so.

Steiner war ganz aufgeregt, als er sich im Zimmer von Marianne Rosenberg beim Chef anmeldete. Die Unruhe hatte sich zu einer fast hektischen Rastlosigkeit gesteigert. Unzählige Male hatte er den roten Zettel zur Hand genommen und immer wieder die schwungvollen Buchstaben studiert, als könne er jenen harmlosen Zeilen den Grund seiner – wie er zwischendurch immer wieder empfand – lächerlichen Aufregung entnehmen. Zuletzt schließlich steckte er ihn in seine Sakko-Tasche, wo er ihn auch jetzt wieder nervös zerknüllte, als er das Zimmer von Martin Kellinhaus betrat. «Grüss Euch Steiner.» Der kräftige Händedruck und das freundlich offene Gesicht des Juniorchefs beruhigten zuerst einmal Puls und Nerven von Peter Steiner. Mühsam presste er ein «Grüss Dich Martin» und nahm auf dem angebotenen Sessel am runden Besprechungstisch Platz. Er sagte zum jungen Chef Du, da er den jetzigen Unternehmenslenker schon als hospitierenden Schüler gekannt hatte. Kellinghaus musterte ihn überrascht – was war in den besonnenen Steiner gefahren? Mit nervös knetenden Händen, rotfleckigen Wangen und unstetem Blick saß ihm der sonst so in sich ruhend wirkende Buchhalter gegenüber. In Kellinghaus’ Gedanken flackerte ganz kurz die Erinnerung an die vorhin festgestellte Lebenslauflücke auf. Aber unwillig schob er diesen Gedanken zur Seite. «Herr Steiner, ich fasse mich kurz: Sie wissen, unser Unternehmen hat in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung genommen.» Kellinghaus war nicht eitel, aber es tat ihm doch immer wieder gut, wenn er bei solchen Anlässen Revue passieren lassen konnte, daß dieser Aufschwung mit seinem Einritt in das väterliche Unternehmen begonnen hatte. «Dabei ist allerdings unsere interne Verwaltung und vor allem die Kontrolle unseres Rechnungswesens zu kurz gekommen.» Rasch und ohne Umschweife steuerte Kellinghaus auf sein Ziel zu: «Ich hätte jetzt für diesen Bereich einen jungen Hüpfer mit Ökonomiestudium und allen akademischen Weihen versehenen Spezialisten anheuern können. Sie kennen das ‘suche erfahrenen Controller, mit überdurchschnittlichen Abschlüssen und exzellenten Referenzen zwischen 20 und 25 Jahren’. Alles Quatsch. Gibt’s sowieso nicht. Mir ist wichtiger, daß das jemand macht, der den Laden hier schon ewig kennt und den vor allem die anderen Kollegen akzeptieren. Deshalb habe ich Sie für den Posten des Innenrevisors vorgesehen.» Er hielt ganz kurz inne, um die Reaktion seines Gegenübers zu beobachten, bevor er weiterfuhr: «Ich gehe davon aus, daß Sie das machen. Trotzdem stelle ich jetzt die übliche Frage: Trauen Sie sich das zu und wollen Sie den Job übernehmen.» Nochmals nach einer ganz kurzen Pause ließ er dann auch noch die ganze Katze aus dem Sack: «Selbstverständlich arbeiten Sie ab sofort mit den Kompetenzen und dem Gehalt eines Abteilungsleiters, und Sie sind in der Buchhaltung weisungsbefugt und berichten direkt an mich.» Peter Steiner entspannte sich. Alles war in Ordnung. Das war kein Problem. Er hatte das zwar nicht angestrebt. Mehr Kompetenzen, mehr Gehalt, mehr Ansehen. Er nahm das hin wie gutes oder schlechtes Wetter. Der Job wurde ihm angetragen, er traute ihn sich zu, also übernahm er ihn auch: «Martin, selbstverständlich übernehm’ ich das. Freut mich, daß Du mir das anträgst.» Das war der Steiner, wie Kellinghaus junior ihn kannte. Ruhig, sachlich, knochentrocken und eigentlich immer entspannt. Martin Kellinghaus nickte lächelnd. Die Fragen, was jetzt zu tun sei, wer seine bisherige Arbeit übernehmen solle, mit wem er sich künftig abzustimmen hatte und ähnliches, ging Steiner jetzt mit der ihm eigenen Routine und Sachlichkeit durch. Kellinghaus nahm die wiedergefundene Fassung bestätigt zur Kenntnis. «Also wären wir durch.» Kellinghaus schob seine Papiere zusammen. Die Erinnerung an seine vorhin detektivische Entdeckung durchzuckte Kellinghaus: «Steiner!» Vielleicht war etwas zuviel Schärfe in seiner Stimme. Denn der so angesprochene, eben im Begriff aufzustehen, zuckte zusammen. «Was ich Sie noch fragen wollte …,» Kellinghaus’ Gesicht verzog sich zu einem freundlichen Grinsen, das zwischen Neugier und spitzbübischer Herausforderung schwankte: «Was haben Sie eigentlich im Sommer 94’ unternommen?» Steiner sank auf seinen Sessel zurück und verfärbte sich. Plötzlich waren die roten Flecken wieder da. Mühsam arbeiteten die Hände, Steiner schluckte mehrfach leer durch. Kellinghaus verwünschte seine Neugier. Was bloß für ein Teufel hatte ihn geritten. Es ging ihn ja eigemtlich gar nichts an. Steiner konnte ja tun und lassen, was ihm gefiel. «Toni. Toni.», stammelte Steiner völlig abwesend vor sich hin. Mit einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und freundlich dargebotener Hand komplementierte Kellinghaus Steiner unter einem «Na, ja, ist auch nicht so wichtig» aus seinem Büro. Die ganze Sache war Kellinghaus jetzt peinlich und er war froh, als sich die Tür hinter seinem künftigen Innenrevisor schloss. Würde er das auch sein? Plötzlich hatte Kellinghaus Zweifel, ohne das er sagen konnte warum. Mit dem unbestimmten Gefühl, irgend etwas würde bei der Sache schiefgehen, verließ er kurz nach Steiner sein Büro. Er wollte sich mit seiner Frau zum Mittagessen im Teufelhof, einem weithin bekannten Restaurant, treffen.

Peter Steiner wusste nicht, wie er in sein Büro zurückgekommen war. Versunken, die Hände ins Gesicht gestützt, saß er mit geschlossenen Augen an seinem seit 20 Jahren eigentlich nur durch die verschiedenen Computer-Generationen veränderten Schreibtisch, dessen abgestellter Bildschirm jetzt in kaltem Grau glitzerte. Eine Woge längst überwunden geglaubter Gefühle überschwemmten sein Gehirn. Tausend Gedanken und Bilder tobten in seinem Kopf. Das Flugzeug, das in den grau verhangenen Himmel aufstieg und hinter den Regenschauern verschwunden war. Ihre Gestalt, die er in der Abflugs-Schleuse zum letzten Mal sah. Sie war gegangen. Ohne sich umzudrehen. Warum war er nicht mitgekommen? Warum hatte er Angst vor der ungewissen Zukunft gehabt? Wo war Sie jetzt. Wo? Lebte Sie noch? Und mit wem? «Ist was?» Renate Röthlisberger, eine Kollegin, steckte ihr rundes, gutmütiges Gesicht durch den Türspalt. Steiner blickte auf: «Nein, nein.» «Kommst Du mit zum Mittagessen, Peter?». «Nein, nein», wiederholte Steiner, abgrundtiefe Trauer in seiner Stimme. Erschrocken zog Renate den Kopf zurück. 

Draußen schien die Frühlingssonne von einem blankgewaschenen Himmel. Bauschige Wolken segelten geruhsam am Horizont entlang. Der Ahorn vor Peter Steiners Fenster trieb dicke Knospen. Das erste Grün spitzte schon hervor. «Frühling, es ist wieder Frühling.» Abrupt stand Peter Steiner auf und verließ eilig sein Büro. Ziellos wanderte er durch die Strassen des Quartiers. Versonnen den Blick zu Boden gerichtet. Seine anfängliche Verstörtheit wandelte sich zusehends in heitere Gelassenheit. Plötzlich straffte sich sein Schritt und rasch strebte er der Rheinpromenade zu. Dort am Wasser, wollte er nachdenken, sich erinnern, und zur Ruhe finden.

Der Rhein. Schon seit sich Peter erinnern konnte, war dieser Strom für ihn mehr gewesen als einfach nur ein großer Fluß. Im nahen Rheinfelden geboren und groß geworden, hatten die Steiners in einem der engen verwinkelten Gässchen des alten Grenzstädtchens gewohnt. Von der Küche aus konnte er zwischen den zwei Nachbarhäusern das Flusswasser fließen sehen. Im Sommer träge, grünlich-blau schimmernd, im Frühjahr zur Schneeschmelze meist schmutzig-braun und fast reißend wie ein Gebirgsbach, im Herbst dagegen grau. Im Winter fast schwarz – die bedrohliche Vollendung des melancholischen Gemäldes, das der Fluß für Peter zeichnete, wenn er den Rheinweg entlang lief: die traurigen Weidenbäume, die mit kalten Fingern aus dem Nebel in die eiskalten Fluten griffen. Dem Halbwüchsigen liefen immer kalte Schauer den Rücken herunter. Und auf eine unbegreifliche Art hatte der Rhein zu dieser Jahreszeit für ihn die größte Anziehungskraft. Obwohl er immer froh war, wenn er in die gut beleuchtete Marktgasse einbiegen konnte und das Leben  ihn wieder hatte.

Der Rhein. Wenn er am Küchentisch saß, die Schulbücher ihn mit höhnischer Langeweile angähnten, dann war der Strom für ihn Abwechslung und Trost zugleich. Dann beobachtete er das Wasser, und mit den ziehenden Wellen, mal gekräuselt fröhlich, mal ruhig dahin rollend, flohen seine Gedanken. Weg vom Lernen, weg vom verhassten Gymnasium, weg aus der engen, aufgeräumten Wohnung, weg vom ebenso aufgeräumten, sauberen beige gestrichenen Hausgang, den er einmal die Woche wischen musste. Weil Steiners mit den Hausleuten keinen Ärger wollten. Dann brach er auf in ein Leben nach der Matura. Und wenn er sommers mit dem Kajak seines Bruders von Stein nach Rheinfelden paddelte, dann war er sich sicher wie nie, daß das Leben ihm mehr bieten würde als Rheinfelden und den beigefarbenen Hausgang mit den sechs sich aufs Haar gleichenden Haustüren, mit den ebenso sechs sich aufs Haar gleichenden Fußmatten. Wo überall grau auf blau geschrieben stand: «Herzlich willkommen». Und trotzdem jeder lieber durch den Spion seinen Nachbar beobachtete als ihn in der eigenen, ebenso engen wie aufgeräumten Stube willkommen zu heißen. Dann spürte er die ungestüme Kraft des grünen Wassers, das sich gegen jeden Widerstand Bahn brach. Dann war er eins mit dem Fluß, der jeden Meter neu aufbrach, die Weiten der Nordsee zu erreichen. 

Das Leben. War nicht der Rhein. Es trug ihn zwar ein paar Kilometer stromabwärts. Nach Basel. Aber mehr geboten hatte es ihm nicht. Als Zahlenkolonnen und Buchungsbestimmungen, Zinsfuß und Währungstabellen. Die Träume seiner Jugendjahre hatten nicht getragen, waren so flüchtig wie die frechen Schaumkronen des Sommer-Rheinwassers. Die Kraft hatte nicht ausgereicht, sich durchzusetzen, gegen den Willen der Eltern, die wollten, daß der Bub was Rechtes lernen sollte. Sie hatte auch nicht ausgereicht, das Glück zu fassen, dem Herz und seinen Möglichkeiten zu folgen. Und so war aus dem träumenden Peter der staubtrockene Steiner geworden. 

Die Liebe zum Rhein – die bestand allerdings bis auf den heutigen Tag. Viele Stunden verbrachte Steiner am Strom. Meist wanderte er an den Wegen entlang, die auf beiden Seiten Basels den Fluß säumen. Genauso oft saß er jedoch an den Promenaden, sah dem Wasser zu, das er nach Farbe, Bewegung und Stimmung so gut kannte. Dann war es fast wie früher. Aber nur fast. Denn das Leben hatte er jetzt kennengelernt. Ganz kurz das, von dem er einst geträumt, lange, zu lange, das, das er lebte. Und deshalb war in den Gedanken, die er jetzt am Rheinwasser dachte, etwas von den Herbstgemälden, die ihn als Jugendlichen so rätselhaft abgestoßen und gleichzeitig angezogen hatten.

Peter Steiner saß am Rheinufer. Etwas unterhalb der Mittleren Rheinbrücke, der Johanniterbrücke zu. Die Sonne schien warm, und die Promenade hatte sich mit den Angestellten der Stadt bevölkert, die hier wie Steiner ihre Mittagspause verbringen wollten. Als bunte und meist ebenso geräuschvolle wie fröhliche Inseln saßen die Schüler der nahen Kunstgewerbeschule unter den schwarz, blau, weiß gemusterten Verwaltern der großen Chemieunternehmen und der nicht minder großen Banken. Peter Steiner schloss die Augen. Gegen die schon aufgewärmte Wand gelehnt, spürte er den milden Wind, hörte das gleichförmige Rauschen des Flußes, das die vielen Stimmen zu einem angenehmen Summen kappte. Hier hatte es angefangen: das kurze Leben. Voller Überraschungen. Erwartungsvoll fordernd, fröhlich und voller Frühling, wie dieser farbenfrohe Tag mit den ersten grünen Blättern, dem warmen Duft südlicher Gefilde und dem roten, Erinnerungen weckenden Zettel. Wenige Meter schräg vor ihm sitzend, zeichnete sie die Silhouette der links liegenden Altstadt. Eine Fingerübung für die angehende Künstlerin. Unter dem schwarzen, mit einem dünnen Haarband zusammengehaltenen Pferdeschwanz voller Locken kräuselten sich dünne Härchen über einem schmalen Nacken. Der Frühlingswind spielte damals unverdrossen mit diesen widerspenstigen Ausreißern des mühsam gebändigten Haarschopfes. Dieser erste Anblick hatte sich in das Gedächtnis von Peter Steiner eingegraben. 

Sie hatte es wohl gespürt, daß er sie angesehen hatte, daß er diesen Nacken und die wunderschönen Haare einfach ansehen musste. Mit einem spöttischen Lächeln und ironischem Blick ihrer blauen Augen hatte sie ihn ohne Umschweife zu einem Kaffee eingeladen. Dann brauche er sie nicht hinterrücks anstarren, war die für ihn mehr beschämende denn einladende Begründung. Peter war überrascht – und nahm die Einladung trotzdem an. Auf dem Münsterplatz waren sie dann gesessen. Hatten geredet. Und er hatte erstmals den Lebensstrom gespürt, der von ihr ausging, von dem er geträumt hatte, als er seinerzeit auf den grünen Wellen rheinabwärts gepaddelt war. Erstmals auch kam er zu spät in die Bank zurück, ungeachtet des Tadels seines mißmutigen Kollegens und ohne es im Mindesten zu bereuen. 

Was sie in ihm gefunden hatte? Die Künstlerin voller Kraft, voller Ideen, die warteten, von ihr in die Wirklichkeit umgesetzt zu werden. Die unermüdliche Schafferin, voller Unruhe. Er wusste es bis heute nicht. Alleine, daß sie einander hatten und sich dem Leben anvertrauten. Das wussten sie beide. Ein Jahr lang wurde das Eisen dieser ungleichen Verbindung immer heißer, sorgten die zwei Pole für Spannung. Im Frühsommer 94’ kündigte er seine ebenso sichere wie wohldotierte Stelle bei der Credit Suisse. Er traute dem Leben. Mit ihr.

Sie hatte eine Auftragsarbeit eines reichen, deutschen Industriellen. Einen Bilderzyklus über das Wasser. An einem Freitag stürmte sie in sein Büro. Er erinnerte sich noch ganz genau. Eine orangerote Provokation zwischen Mamor, Stahl, weißen Krägen und beflissener Diskretion. «Ich hör’ auf. Nächste Woche fahren wir.» Das war ihre Entscheidung. Spontan. Unwiderruflich. Voller Freude. Er konnte sich noch ganz genau an ihre leuchtenden Augen, die vor Begeisterung geröteten Wangen erinnern. Und an das mißmutige Gesicht seines Kollegen. Verärgert über die Störung, den unerwarteten Einbruch der Freude. «Antonia, wir sehen uns später. Dann können wir reden. Warte einfach im Cafe Isaak auf mich.» Es war sein kleinlauter Versuch, auf die Alltäglichkeiten seines Lebens aufmerksam zu machen. Denn die Bürostunden dauerten nun mal bis um fünf. Und er konnte nicht einfach weg. Nächste Woche. Und wohin überhaupt. «Warten? Einfach warten?» Sie hatte eine Auftragsarbeit von einem der größten Kunstmäzene Deutschlands. Sie würde in Köln in einem eigens freigehaltenen Atelier arbeiten können. Ausstellungen in drei der größten Galerien Deutschlands waren bereits fest zugesagt. Endlich malen, wie sie es wollte. Frei von mäkelnden Lehrern, frei von finanziellen Sorgen. Endlich wirkliche Kunst. Und sie solle einfach warten. Erstmals seit sie sich kannten, wurde sie laut. «Peter ich warte nicht. Auf Dich.» In ihren Augen war etwas Neues, Unbekanntes. Das helle, fröhliche blau schien plötzlich dunkel. War es Härte, war es der unbändige Wille, ihren eigenen Weg zu gehen. Er wusste es nicht. Auf jeden Fall machte es ihm Angst. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ das Büro ebenso rasch wie sie es betreten hatte. Der Ärger seines Kollegen war einem breiten, schadenfrohen Grinsen gewichen. Als er diese selbstzufriedene Miene sah, wandelte sich Steiners Betroffenheit in Wut. Wut über die vielen sinnlosen Zahlenkolonnen seines Lebens, über die griesgrämigen Kollegen, über die kleingläubigen Verwalter des Geldes, über seine eigene Mutlosigkeit. Wortlos sprang er auf. Sein Chef saß im obersten Stockwerk. Doch er benutzte nicht den Lift, denn er konnte nicht warten. «Nächste Woche fahren wir.» Die Wut wurde zur kalten Entschlossenheit. Etwas atemlos erreichte er die Direktionsetage. Die Sekretärin des Chefs musterte ihn mißtrauisch, während sie ihn telefonisch anmeldete. «Sie haben Glück. Herr Vischer ist im Moment frei.» Hatte er wirklich Glück? Wußte er, was er tat. Kopfschüttelnd sah ihm die Sekretärin nach, als er an ihr vorbei ins Zimmer seines Chefs stürmte. Es war keine Zeit mehr für Höflichkeiten. «Ich kündige.» Irritiert sah Kurt Vischer von einem Schreiben auf, das er gerade studiert hatte. «Guten Tag Herr Steiner erst mal. Nehmen Sie doch bitte Platz.» Vischer erhob sich. Über zwei Meter groß, braun gebrannt und mit tiefer, wohltönender Stimme wirkte der in Basel bestens bekannte Direktor, zuständig fürs Personal – raumfüllend. Steiner war versucht, auf dem angebotenen Sessel Platz zu nehmen. Doch er wollte keine Zeit verlieren. Er wollte nicht diskutieren, er wollte keine Ausflüchte mehr suchen. «Nächste Woche fahren wir» – das Echo klang nach. Steiner blieb entschlossen. «Entschuldigen Sie bitte, aber es bedarf keiner weiteren Erklärungen – ich kündige.» Auf Vischers Gesicht zeichnete sich Unmut ab. Doch seine viel gefürchtete Überlegenheit gewann Oberhand. «Reisende soll man nicht aufhalten.» Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu. «Was wollen Sie denn machen?» Hatte er das Sie einen Moment zu stark in die Länge gezogen, oder schwand seine Entschlossenheit. Traute ihm Vischer nichts zu, nahm er ihn nicht ernst. War er wirklich nur der kleine, subalterne Buchhalter. Einer von vielen Dutzenden hier im Basler Büro. Spielte es tatsächlich keine Rolle, ob er da war oder nicht. «Nächste Woche fahren wir.» Wir hatte sie gesagt. Sie wollte mit ihm fahren. Für sie war er wichtig. Für sie spielte es eine Rolle, ob er mitfahren würde oder da blieb. Plötzlich war die Wut wieder da. Über seinen mangelnden Mut. «Das ist, so denke ich, nicht Ihr Problem.» Steiner sah Vischer gerade in die Augen. «Sie bekommen es noch schriftlich. Auf Wiedersehen.» Vischers Überlegenheit blieb erhalten. Er zog die linke Augenbrauen hoch, und eher ironisch als wohlmeinend entgegnete er: «Viel Glück.» Er ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder und widmete sich wieder dem vorher gelesenen Schriftstück. Steiner zögerte einen Moment. Er war über sich selbst überrascht. Als Vischer nocheinmal aufsah und fragte: «Gibt es noch was?», drehte sich Steiner abrupt um und verließ das Büro grußlos. Wie in Trance bestieg er den Lift und fuhr hinab in sein Büro. Dort sammelte er unter den staunenden Blicken seines Kollegen die wenigen persönlichen Utensilien zusammen.

Steiner schlug die Augen auf. Jetzt war es schon fast ein Gedränge unter den fröhlichen Menschen, die den ersten warmen Mittag am Rhein genossen. Damals, als sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, und heute – war Zeit einfach nur eine Illusion? Peter und Antonia waren danach miteinander nach Köln gegangen. Sie hatte ein traumhaft schönes Atelier bezogen und in direkter Nachbarschaft wohnten sie gemeinsam im Loft einer sanierten Gründerzeit-Villa. Peter Steiner organisierte den Alltag. Er kochte. Er putzte und führte Buch über die munter sprudelnden Zuwendungen ihres begeisterten Gönners, ebenso wie er akribisch alle Ausgaben verzeichnete. Er machte die Termine mit all den Menschen, die aus einer ganz anderen Welt zu kommen schienen. Einer Welt, die er nicht kannte und die er nicht verstand. Antonias Welt. Denn mit schlafwandlerischer Sicherheit und einer Weltgewandtheit, die ihn einschüchterte, begeisterte sie die kunstsinnigen, fremden Menschen für ihre Bilder. Und für sich. 

Und dann hatten sie das erste Mal ernsthaft Streit: «Was hält Dich denn ab, mit mir zu gehen. Sag’s mir. Was? Was bitte was?» Mit blitzenden Augen stand Antonia vor ihm. Es war ein grauer, verregneter Herbsttag. Die noch vor Tagen goldenen Blätter der Alleebäume lagen in schmutzigen Haufen und faulten dem Winter entgegen. Wie so oft, waren sie den Rhein entlang gegangen. Von Marienburg in Richtung Stadt. Vor sich die großartige Kulisse des Doms und des Deutzer Ufers. Antonia hatte in den letzten Wochen gemalt wie besessen. Der Zyklus war fast fertig. Ihr Gönner ebenso begeistert wie die unterschiedlichsten Sachkundigen, die sich im wunderschönen Atelier im parkähnlichen Garten der Marienburger Villa die Klinke in die Hand gaben. Wieder war das Dunkle in Ihren Augen. Furcht stieg in ihm auf. Das erste Mal die Furcht, er könnte sie verlieren. Gleichzeitig hatte er die Geringschätzung seines Vaters im Ohr: «Putzt und kocht für eine Frau. Für so eine ganz Gescheite. Mein Sohn, der Dienstbolzen einer Künstlerin.» Peter wandte ein: «Es ist doch alles gut hier. Vielleicht finde ich nächsten Monaten ja sogar auch eine Arbeit bei der Sparkasse.» Er fühlte es selbst. Es klang hilflos, und es war hilflos. «Sparkasse», zischte Antonia verächtlich. Was war das schon. Gegen New York, und den neuen Auftrag: Schließlich hatte der Shooting-Star unter den amerikanischen Galleristen jetzt bei ihr angefragt.  Bei Ihr – Antonia Schmid aus Basel. Was war seine Anstellung gegen Kunst, gegen Berühmtheit, gegen das Leben in vollen Zügen. Antonia war sich sicher. Sie würde berühmt sein. Sie würde ganz ihre Kunst leben können. Sie würde die Welt erobern. Aber nicht seine Welt. Plötzlich spürte er es ganz deutlich. Er hatte zu wenig Kraft. Peter konnte Antonia nicht widerstehen. Sie war schon weg. Sie hatte es schon entschieden. Ohne ihn. 

Dann war alles ganz schnell gegangen. Antonia vollendete die letzten Bilder und handelte mit dem New Yorker Galleristen die Bedingungen für ihre nächsten Werke aus. Bilder für einen Kalifornier, der allerdings nicht in Erscheinung treten wollte. Er versuchte sie zu halten, in Köln, bei ihm. Sein Kleinmut war wieder da: Vielleicht wäre alles nur Bluff. Vielleicht zerplatzte der Traum schon, wenn die erste Miete für das Appartement in Manhatten fällig wäre. Vielleicht sollten Sie einfach warten. Er flehte Antonia an. Allein – sie hatte entschieden. So buchte sie den Flug. Und am ersten Dezember war sie gestartet. Im regenverhangenen Himmel verschwunden. So plötzlich wie mit ihr das Leben aufgetaucht war. Nie mehr hatte er etwas von ihr gehört. Ja, sie hatte damals geweint, als sie sich an der Abflugs-Schleuse nochmals umgedreht hatte. Wegen des Schmerzes? Aus Zorn? Es waren schreckliche Wochen, als das Leben von ihm gewichen war. Und es war die Zeit, als aus Peter endgültig der Buchhalter Steiner wurde.

Endgültig? Peter sah rheinaufwärts. Das Münster reckte seine Türme in den blauen Himmel. Endgültig? Im gleissenden Sonnenlicht, das sich auf der Wasseroberfläche brach, näherte sich ein winziger Punkt, wurde langsam größer. Es war der Kajakfahrer, der täglich, von Birsfelden kommend, seine Trainingseinheit absolvierte und unterhalb der Mittleren Brücke anlegte. Peter beobachtete ihn gebannt. Er kam immer näher. Jetzt steuerte er sein Boot mit einer leichten Ruderbewegung Richtung Ufer. Ja, der Paddler machte es wie jeden Tag. Peter hatte ihn schon oft gesehen. Steiner ließ ihn nicht aus den Augen. Der Paddler legte an, vertäute sein Boot an einem eigens dafür vorgesehenen Eisenhaken und verschwand leichten Schrittes unter dem Bogen der Mittleren Rheinbrücke. Steiner wartete noch einen Augenblick. Dann erhob er sich langsam. Blickte links, blickte rechts, sah, ob ihn niemand beobachtete. Langsam stieg er die Stufen hinab zum Wasser. Lies sich ebenso langsam im Kajak nieder. Das Paddel lag im Bug. Er band das Boot los. Sofort zog ihn die Strömung vom Ufer weg. Mit einigen tastenden Paddelschlägen erreichte er die Mitte des Flußes. Jetzt war es wie früher. Er war eins mit dem Fluß. Steiner sah nicht zurück. Mit kräftigen Schüben schoß er unter der Johanniterbrücke durch. Der Fluß trug ihn vorwärts: Jeder Meter ein Stück verlorenes Leben.

1 Kommentare

  1. Sehr gut Justus!
    Hab‘ angefangen, deine Kurzgeschichte zu lesen und bin beeindruckt. Freue mich darauf, die Lektüre beizeiten fortzusetzen. Alles Gute, Matze

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