… ist auf verschiedene Arten möglich. Kurzfristig ist das Auto wohl die bessere Wahl. Weil «stark frequentiert» einer der Euphemismen der Deutschen Bahn ist, die sich in der Wirklichkeit als Stehplatz oder mühsames Sitzplatz-Hopping mit schlecht gelaunten Mitreisenden herausstellen. Die just zu diesem langen Wochenende mit Brückentag veröffentlichten Zahlen zur Pünktlichkeit des deutschen Mobilitäts-Dienstleisters überzeugen überdies nicht wirklich: knapp 60 Prozent. Für einen Tag auf der Messe in Hannover keine Alternative. Weil Termine dazu da sind, eingehalten zu werden. Also Plan B.
Also das Auto. Von Basel nach Hannover zur Messe. Vom Abend in die Nacht. Sechs Stunden dreißig. Sieben Liter Sprit auf hundert Kilometer bei zügigem Vorankommen sind zwar nicht so nachhaltig wie die Fahrt mit dem Zug, aber ok …
Am nächsten Morgen dann doch Zug. Mit der S-Bahn aus der niedersächsischen Provinz zum Messe-Zentrum. Pünktlich. Aber die Online-Buchung des Tages-Tickets scheitert erstmal am Netzabbruch. Statt 5G GSM. Oder gar nichts. Willkommen – eine Reise durch Deutschland im Jahr 2026. Der Umstieg am Hauptbahnhof Hannover in die U8 scheitert, weil der leere, zwar pünktlich erscheinende und per Lautsprecher angesagte Zug unverrichteter Dinge an den wartenden Messe-Besuchern vorbeifährt. Das wiederholt sich zwei Mal. Niemand weiß warum.
Unser Kunde auf der Messe INTERSCHUTZ – die weltweit führenden Leitmesse für Feuerwehr, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz – ist euphorisch. Die Besucher des Messe-Standes, Feuerwehrfrauen und -männer aus der ganzen Republik ebenso. Die vorgestellte Innovation könnte die Brandbekämpfung revolutionieren. Könnte. Der Konjunktiv regiert in diesem Land. Denn die viel beschworenen Boomer sind davor: «Unsere Entscheider – 55+ – haben es nicht so mit den Neuerungen. Da ist viel, viel Überzeugungsarbeit notwendig. Wahrscheinlich können wir das System erst einführen, wenn wir Jüngeren in die Leitungsfunktionen vorrücken.» Sagen die Feuerwehrfrauen und -männer aus der ganzen Republik. In diesem Moment öffnet sich eine neue Perspektive – auf die gesellschaftliche Symbolik dieser Reise durch Deutschland.
Mit dem politisch geschärften Blick trete ich den Rückweg an. Die U-Bahn fährt anstandslos. Pünktlich. Die S-Bahn startet ebenso. Und bleibt dann unvermittelt stehen. Im Bahnhof, eine Station vor dem eigentlichen Ziel. «Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten, vor uns auf der Strecke ist ein Zug liegen geblieben. Wir werden hier ein Weilchen stehen.» Die freundliche Ansage macht nicht wirklich Mut. Zehn Minuten später: «Der Zug wird zurück nach Hannover fahren.» Ich nicht. Trampen war in jungen Jahren schließlich auch eine Möglichkeit. Aber die niedersächsische Provinz bietet diese Möglichkeiten nicht. Warten ist angesagt. Lange warten. Ein schließlich zufällig vorbeifahrendes Taxi – der Chauffeur mutmaßlich Rentner – hält nach wildem Winken zögerlich. Ist bereit für den Lift. 25 Ocken. Schwarz. Damit die schmale Rente etwas aufgebessert wird. Eine Reise durch Deutschland.
Die politische Symbolik hat sich jetzt in den Gedanken festgesetzt. Die Heimfahrt am nächsten Tag führt erstmal wieder durch die Provinz. Landstraßen. «Tempo 50. Straßenschäden». Gefühlt die Hälfte des Weges übers Land wird von diesen Schildern begleitet. Die inzwischen übliche deutsche Lösung für ein Problem. Erstmal langsam machen. Anstatt die Ursache beheben.
Endlich Autobahn. Schon ziemlich bald blinken die Warnmeldungen auf. Stau. Hohes Verkehrs-Aufkommen. Aber die zwei von drei Spuren sind doch eigentlich ziemlich frei. Spurwechsel? Fehlanzeige. Die Gedanken wandern. Niemand in diesem Land verlässt seine Spur. Lieber bremsen alle. Die Kultur des Verschleppens. Schnell ist verdächtig. Überholen sowieso, und – in der öffentlichen Wahrnehmung – auch ziemlich asozial. Weil die Langsamen, Sturen, und Bewahrer, die von «alten, besseren Zeiten» raunen, für sich reklamieren, die besseren Bürger zu sein. Und der Bräsigkeit dieses Landes ihren Stempel aufdrücken. Vielleicht ja zu viel Interpretation. Aber wer steht, hat Zeit nachzudenken. Eine Reise durch Deutschland.
Druckverlust im Reifen. Der Warn-Hinweis zwingt zur Einkehr auf der nächsten Raststätte. Dort wo auf deutschen Autobahnen Not das Elend trifft. Die Druckluft-Säule ist außer Betrieb: «Hab‘ ich dem Chef schon lange gesagt, dass die kaputt ist.» Also weiter. Langsam. Zur nächsten Ausfahrt. Über Landstraßen mit Straßenschäden. In die Provinz. Die Suche nach Luft mit Hochdruck kann dauern. Eine Reise durch Deutschland.
Ruhrgebiet. Das ist da, wo der Verkehr meistens kollabiert. Heute schon ziemlich früh. Denn die Nordbrücke an der A 565 in Bonn über den Rhein wurde von jetzt auf nachher geschlossen. Auf unabsehbare Zeit. Schwere Schäden. Nicht neu. Sondern schon ziemlich alt. Die finale Lösung, wenn Schritt-Tempo das Problem nicht löst – Totalsperrung. Aber erst mal fahren alle in die Ferien. Ist ja schließlich ein langes Wochenende. Eine Reise durch Deutschland. Oder ein Land im Abstieg.
Viele Stunden später. Die Abendsonne wirft lange Schatten über die Felder. Ein milder Sommerabend. Die letzten Kilometer. Dach und Fenster auf. Herrliche Landschaft links und rechts. Eigentlich schön hier. Und so viele Chancen. Ein glückliches Land. Glücklicher als in so manchem anderen Erdteil. Die Symbolik der Reise durch Deutschland: Ja, wirklich schön hier. Wir haben’s gut. Aber lassen wir endlich frische Luft rein!


Ich – Schweizer – schmunzle. Aber da ist nix zum Schmunzeln in deinem Text … Bravo, tolle Lektüre!
Lieber Justus,
herrlich zu lesen und es trifft den Nagel auf den Kopf.
Wir bleiben trotzdem optimistisch. … 🙂
Lieber Justus
Einmal mehr wunderbar, Deinen Beitrag zu lesen! Schön, wenn dieser Beitrag auch in den politischen Gremien etwas auslösen würde😉….